Taschengeld und der größte Irrtum der Erziehung
- Jeannette Kriesel

- 30. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Warum Kinder kein Budget brauchen, sondern eine Haltung

„Geld selbst ist nicht das Problem. Welche Bedeutung wir Geld geben, ist entscheidend!“ Jeannette Kriesel
Geld ist in vielen Familien das heiligste Erziehungstool überhaupt. Zuteilung, Kontrolle, Limits, Belohnung, Bestrafung, Taschengeld nach Tabellen, pädagogisch sortiert nach Alter. Als würden Kinder erst mit 7 Jahren begreifen, dass man sich von ein paar Euro kein Pony kaufen kann.
Aber genau hier beginnt das Problem. Wir behandeln Geld so, als wäre es ein pädagogischer Werkzeugkasten. Ist es nicht. Geld ist ein Tauschmittel. Und ein verdammt symbolträchtiges noch dazu.
Kinder wachsen nicht einfach nur mit Geld an sich auf. Sie wachsen mit Botschaften auf, die Erwachsene daran knüpfen. Angst, Knappheit, Moral, Abhängigkeit, Kontrolle, Schuld. Und kaum etwas prägt die innere Haltung so tief wie diese unsichtbaren Glaubenssätze.
Taschengeld als Erziehungsmittel
Es heißt immer: „Damit Kinder den Umgang mit Geld lernen, brauchen sie Taschengeld.“ Klingt für die meisten Eltern sinnvoll, ist aber eigentlich auch nur eine verschobene Art der Kontrolle. Denn die meisten Eltern meinen eigentlich: „Ich gebe dir Geld, aber ich sage dir auch, was du damit tun sollst".
Eltern nennen es Erziehung. Das Kind würde es Mangel nennen, wenn es könnte. Und das Nervensystem nennt es Stress. Ein Kind, das ständig hört, „Das ist zu teuer“, „Dafür muss man hart arbeiten“, „Geld wächst nicht auf Bäumen“, lernt nicht sparen. Es lernt Angst und Unsicherheit. Beide sind schlechte Finanzberater.
Was Kinder wirklich lernen müssten ist nicht Verzicht, Gehorsam oder Finanzdisziplin, sondern Wert, Entscheidung, Verantwortung, Freiheit und Vertrauen. Und diese Kompetenzen entstehen nicht, indem Eltern Budgets zuteilen. Sie entstehen, wenn Kinder wirklich mit Geld in Kontakt sind. Ohne Drama, Moral und Machtspiele. Kein Mensch lernt den Umgang mit Geld, wenn er keins hat oder jemand anderes darüber bestimmt, falls ein bisschen was davon zur Verfügung steht.
Nähkästchen-Plauderei
Bei uns ist das Thema Geld ziemlich entspannt. Meine Mädels dürfen jederzeit Geld nehmen, wenn sie etwas möchten – Supermarkt, Kino, ein Eis auf dem Heimweg. Sie sagen Bescheid, nehmen, was sie brauchen, und geben den Rest zurück. Keine Quittungen. Keine heimlichen Aktionen. Kein Kontrollwahnsinn.
Für viele überraschend: Sie räumen keine Portemonnaies leer. Sie fordern nicht absurdes Zeug oder werden maßlos und gierig. Größere Wünsche besprechen wir gemeinsam, und wir schauen, ob es sinnvoll ist zu sparen, abzuwarten oder ob es zeitnah umsetzbar ist.
Ich will nicht, dass meine Kinder lernen, dass Geld eine Bedrohung ist, ein Macht-Instrument oder ein heiliges Gut ist, das nur Erwachsene verstehen. Geld ist ein Tauschmittel. Nicht mehr, nicht weniger.
Und wenn meine Kinder irgendwann die echte Dynamik von Geld verstehen – Fluss, Verantwortung, Freiheit – dann nicht durch Mangelpädagogik, sondern durch Erlaubnis.
Neurobiologischer Sinn
Kinder und Teenager sind impulsiv, ja. Weil ihr Dopaminsystem explodiert. Weil der präfrontale Kortex noch im Umbau ist. Weil Belohnung schneller wirkt als Vernunft.
Was machen viele Eltern daraus? Verbote. Kontrolle. Limitierung. Doch Impulskontrolle entsteht nicht durch Wegnehmen, sondern durch Scheitern, durch Enttäuschung, aber auch durch Erfolg, durch Erleben und vor allem durch Fühlen. Ein Kind, das nie Geld verwalten darf, lernt nicht Haushalten, sondern verinnerlicht im schlimmsten Fall Angst, Gier und Mangelempfinden. Das hat mit Kompetenz nichts zu tun. Geldkompetenz ist wie ein Muskel. Das müssen Kinder über dürfen. Klar, muss man das als Erwachsener aushalten lernen, keine Frage. Und wie oft wird man denken „Was für´n Mist, hat mein Kind da bloß gekauft!?“ Und wenn schon! Das ist auch für uns eine grandiose Übung. Denn würden wir mal unser eigenes Konsumverhalten gnadenlos ehrlich reflektieren, würden wir jede Menge Scheiße finden, die unnötig waren und kein Mensch wirklich braucht. Im Idealfall checken wir, dass wir oft ebenso unkompetent im Umgang mit Geld sind, wie wir es unseren Kindern unterstellen.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Kinder kaum echte Handlungsspielräume haben. Sie dürfen nicht entscheiden wann sie lernen, was sie lernen, wann sie essen, wann sie schlafen und schon gar nicht, wofür Geld ausgegeben wird. Alles ist reguliert, bewertet, geordnet. Geld ist der letzte Kontrollposten, an dem Eltern scheinbar noch Macht haben. Aber wie soll es auch anders sein? Wir haben es ja auch nicht wirklich lernen dürfen....
Aber genau deshalb ist Geld ein perfekter Übungsraum für Selbstständigkeit. Ein Feld, in dem Kinder merken: Ich kann entscheiden. Ich trage die Konsequenz. Ich lerne dabei. Und das ist hundertmal pädagogischer als jede Taschengeldliste.
Geld ist nie das Problem
Geldthemen sind nie nur Geldthemen. Sie sind Familiengeschichten. Mangelgeschichten. Angstgeschichten. Glaubenssätze, die weitergegeben werden wie vererbte Küchenweisheiten. „Geld ist knapp.“ „Geld ist gefährlich.“ „Geld verdirbt den Charakter.“ „Geld macht abhängig.“ „Geld muss man sich verdienen." „Geld macht auch nicht glücklich."
Kinder übernehmen nicht, was du sagst. Sie übernehmen, was in deinem Nervensystem gespeichert ist. Wenn du selbst Angst vor Geld hast, wird dein Kind es spüren. Wenn du entspannt bist, wird dein Kind sich sicher fühlen. Geld hat eine emotionale Frequenz und Kinder passen sich daran an.
Geld selbst ist nicht das Problem. Die Geschichten, die wir über Geld erzählen, sind es. Kinder scheitern nicht am Geld. Sie scheitern an der Angst der Erwachsenen, Kontrolle zu verlieren.
Leider verwechseln viele Menschen innere Unsicherheit mit „richtiger Erziehung“. Sie glauben, sie müssten Geld rationieren, um Verantwortung zu erzeugen. Aber Verantwortung entsteht durch Freiheit, die bewusst genutzt werden darf.
Wenn wir wollen, dass Kinder kompetent, großzügig und selbstsicher mit Geld umgehen, müssen wir ihnen ermöglichen, echte Erfahrungen zu machen.
Sie müssen Fehler machen dürfen. Sie müssen Wünsche haben dürfen. Sie müssen entscheiden dürfen. Sie müssen spüren dürfen, was funktioniert und was nicht.
Nicht, weil Geld, ach so irre wichtig ist. Weil Freiheit wichtig ist! Und weil Selbstwert und Geldgefühl enger zusammenhängen, als wir wahrhaben wollen.
Text: Taschengeld und der größte Irrtum der Erziehung von Jeannette Kriesel
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Jeannette Kriesel



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