top of page

Nichts zum Essen da. Außer allem.

Autorenbild: Jeannette Kriesel
Jeannette Kriesel
1. Okt.
5 Min. Lesezeit

Über Teenager, volle Kühlschränke und wandernden Appetit.


Teenager starrt in den geöffneten Kühlschrank

Neulich hatte ich mit meinen beiden Töchtern, 12 und 15, einen klassischen Alltagsabfuck, der irgendwo zwischen Familien-Irrsinn, Familiensoziologie und bester Unterhaltung lag. Die 15-Jährige macht den recht gut gefüllten Kühlschrank auf, starrt gefühlte zwei Minuten hinein, schiebt dabei den Quark ein Stück zur Seite, hebt den Aufschnitt an, lässt den Blick an Eiern, Joghurt, Obst, Gemüse und all den anderen Dingen vorbeiwandern, die dort ziemlich eindeutig als Lebensmittel herumliegen, schließt ihn schließlich augenrollend wieder, tuttert: „Boah, wieder nix zu essen da!“ und lässt mich irritiert in der Küche zurück. Müsste jeder kennen, der Teenager im Haus hat …

Die kleine Schwester kommt etwas später dazu und bestärkt ihre große Schwester. Okey, denke ich, interessant, dass das beide so wahrnehmen.


Ich fragte, was genau sie damit meinen, denn soweit ich das überblicke, leben wir hier nicht in einer postapokalyptischen Einöde. Unser Kühlschrank ist in der Regel voll. Nicht luxuriös voll, nicht influencerhaft durchgestylt voll, sondern ganz normal voll mit Dingen, von denen man ziemlich solide leben kann: Butter, Quark, Joghurt, Eier, Obst, Gemüse, Salat, Aufstriche, Aufschnitt, Marmelade. In den Schränken liegen Brot, Toast, Wraps, Müsli, Haferflocken, Backzutaten. Im Tiefkühler Gemüse, Obst, Fleisch, Soßen. Also kurz gesagt: Versorgungslage stabil. Und trotzdem standen da zwei Teenager und vertraten mit erstaunlicher Geschlossenheit die These, es sei nichts zu essen da.


Wir wollten eigentlich nur kurz ins Einkaufszentrum, ein paar Sachen erledigen, und ich schlug vor, danach noch einkaufen zu fahren, weil wir gerade das Auto hatten und dann gleich etwas mehr mitnehmen könnten. Daraufhin sagte meine Große in einem Tonfall, als stünden wir kurz vor der humanitären Krise: „Ja, bitte, dann können wir endlich mal Essen kaufen.“


Ich gebe zu, in diesem Moment war er sofort da, dieser elterliche Rechthabereflex. Der Vortrag über Quark, Eier und Brot, die seit ziemlich langer Zeit als Nahrung anerkannt sind, darüber, dass ein voller Kühlschrank nicht plötzlich leer wird, nur weil gerade nichts darin liegt, worauf man spontan Lust hat, und irgendwo hätte sich vermutlich auch noch ein kleiner Hinweis darauf eingeschlichen, wie gut sie es eigentlich haben. Ich hätte problemlos loslegen können und war gedanklich eigentlich schon mittendrin.


Aber dann dachte ich mir, dass man sich in solchen Situationen entscheiden kann. Man kann die altbewährte Erwachsenenrolle anziehen, wild mit dem Zeigefinger fuchteln und erklären, wie undankbar das alles klingt, oder man schluckt den Vortrag herunter und macht etwas deutlich Klügeres und, wie ich fand, auch deutlich Lustigeres: Man übergibt das Experiment an die Wirklichkeit.


Also Deal: Ihr kauft ein, ich bezahle. Ich war ehrlich gesagt gespannt. Ein kleines bisschen auch schadenfroh gespannt. Irgendein Teil in mir war vorbereitet auf den großen Teenager-Offenbarungseinkauf, bei dem am Ende zwölf Sorten Süßkram, drei Getränke in Radioaktivfarben und merkwürdig-undefinierbare Convenience-Produkte im Wagen landen. Ich rechnete mindestens mit einem soliden Beweis dafür, dass mit „Essen“ in Wahrheit Dinge, auf die die Kids gerade random, lowkey oder literally Bock haben, gemeint war.


Und dann passierte etwas ausgesprochen Unerwartetes. Der Einkauf meiner Töchter unterschied sich kaum von meinem. Sie packten Obst und Gemüse in den Wagen, Eier, Brot, Aufschnitt, Naturjoghurt, Quark, Butter und all die völlig unspektakulären Basis-Lebensmittel, die in der Regel zuhause immer vorrätig sind. Es gab vielleicht vier oder fünf Produkte, die ich selbst normalerweise nicht kaufe, aber nicht, weil sie Quatsch gewesen wären, sondern eher, weil ich sie einfach nicht auf dem Schirm hatte. Also keine Eskalation, keine Zuckerparty, kein Fertigfraß.


Und irgendwann mussten wir alle lachen, weil die beiden selbst merkten, was da gerade sichtbar wurde: Das, was ich einkaufe, ist offenbar durchaus vielfältig genug. Es mangelt hier weder an Nahrung noch an Auswahl noch an der Fähigkeit, sich etwas zuzubereiten. Meine Kinder können das nämlich. Die Große macht sich aus Quark, Nüssen, Obst und weiß der Himmel was alles irgendwelche Mischungen, backt oder zaubert Protein-Cheesecakes und kommt häufig auf echt leckere Ideen. Die Kleine macht sich Wraps, Salate, Nudeln, Spiegelei oder Bratkartoffeln. Hier sitzt also niemand ratlos vor dem Herd und wartet hilflos auf Versorgung. Deshalb war ja von Anfang an klar, dass diese übliche Erklärung, Teenager wollten einfach nur Fertigfraß, bei uns nicht trägt.

Und genau deshalb wurde dieses kleine Einkaufsexperiment so aufschlussreich.


Denn es zeigte, dass die berühmte Behauptung „Es ist nichts zu essen da“ oft gar nichts mit echtem Mangel zu tun hat. Es ist auch nicht automatisch ein Zeichen von Unselbstständigkeit, Verwöhntheit oder emotionalem Loch, das nun mit Milchschnitten gestopft werden müsste. Bei uns jedenfalls nicht. Was da im Raum stand, war etwas viel Banaleres und viel Komischeres: eine erstaunlich bewegliche Definition von dem, was in einem bestimmten Moment als Essen gilt.

Nicht alles, was essbar ist, taucht im Kopf auch als Essen auf.


Und da sind wir bei einem Unterschied, der mir im Nachhinein fast noch wichtiger erscheint: Hunger ist nicht dasselbe wie Appetit. Wer wirklich Hunger hat, hat ein deutlich breiteres Verständnis davon, was als brauchbare Mahlzeit durchgeht. Dann sind Brot, Eier, Quark, Nudeln oder ein Wrap plötzlich sehr überzeugende Optionen. Wer hingegen vor einem vollen Kühlschrank steht, ihn öffnet, hineinschaut, wieder schließt und erklärt, es sei nichts zu essen da, leidet meistens nicht an Hunger, sondern an einer sehr präzisen Form von Appetit. Dann fehlt nicht Nahrung. Dann fehlt der momentane Treffer. Der Kühlschrank ist zwar voll, aber für Teenager wirkt er kurzzeitig wie eine Wüste, weil gerade nichts darin signalleuchtet und ruft: „Huhu. Ich bin’s. Iss mich. Genau jetzt.“

Nur war das Lustige an unserem Ausflug eben, dass diese vermeintliche Wüste beim Einkaufen dann doch wieder erstaunlich nach Brot, Quark, Obst, Gemüse und Naturjoghurt aussah.


Ich ging aus der Nummer innerlich ziemlich zufrieden raus, nicht auf eine selbstgefällige Art, bei der man sich zum Erziehungsgenie erklärt, sondern eher mit einem stillen kleinen Grinsen. Vor allem aber war ich froh, dass ich mir den Vortrag vorher gespart hatte, denn sehr viel mehr hätte er vermutlich auch nicht bewirkt, als das, was der Einkaufswagen ohnehin schon ziemlich deutlich gezeigt hatte.


Wir fuhren also mit unserem Einkauf nach Hause und räumten Brot, Quark, Obst, Gemüse, Naturjoghurt, Eier und all die anderen Dinge wieder in Küche und Kühlschrank. Im Grunde genau das, was dort vorher schon gelegen hatte, nur jetzt von meinen Töchtern höchstpersönlich ausgewählt und damit offenbar vorübergehend offiziell als Essen anerkannt. Mal sehen, wie lange die Zulassung hält. Nichts zum Essen da


Ich rechne fest damit, dass in ein paar Tagen wieder jemand vor dem Kühlschrank steht, eine Weile hineinschaut, die Tür schließt und mit voller Überzeugung feststellt: „Boah, wieder nix zu essen da.“

Text: Nichts zum Essen da. Außer allem. von Jeannette Kriesel



Wenn dieser Text nicht ganz spurlos an dir vorbeigezogen ist …

… dann darf er gern weiterziehen. Teil ihn, schick ihn jemandem, der ihn brauchen könnte oder behalt ihn erstmal für dich und tu so, als wärst du ganz zufällig klüger geworden.

 

Mehr freie Texte, klare Gedanken und gelegentliche Zumutungen mit Mehrwert findest du in meinem Telegram-Kanal: https://t.me/jeannettekriesel

 

Und falls du mir dafür symbolisch eine Tasse Kaffee oder ein Glas Wein rüberschieben willst: WHOOHOO!

 

Alternativ: DE39 100 500 006 012 337 742

 

Danke. Wirklich.

Jeannette Kriesel

 
 
 

Kommentare


bottom of page