Wer gibt, will was.
- Jeannette Kriesel

- vor 1 Tag
- 5 Min. Lesezeit
Wie bedingungslos kann Geben wirklich sein?

Das Thema beschäftigt mich seit einigen Wochen, weil ich mich gefragt habe, ob es so etwas wie bedingungsloses Geben überhaupt gibt. Also wirklich etwas zu tun oder zu geben, ohne dabei zu erwarten, dass irgendwann auf irgendeine Weise etwas zurückkommt. Kein Geld, keine Gefälligkeit, keine besondere Dankbarkeit, keine Loyalität und auch nicht dieses stille Gefühl, dass der andere nun irgendwie „dran“ ist.
Ein gutes Beispiel sind Geschenke zu Geburtstagen, Einschulungen, Jugendweihen oder Jubiläen. Natürlich würde kaum jemand offen sagen, dass er erwartet, ungefähr den gleichen Wert zurückzubekommen, wenn irgendwann selbst an der Reihe ist. Und trotzdem kennen vermutlich viele diesen kleinen Moment der Enttäuschung, wenn man selbst großzügig war und später deutlich weniger zurückkommt, aus welchem Grund auch immer. Man spricht vielleicht nicht darüber, man würde es wahrscheinlich sogar abstreiten, aber innerlich wird eben doch verglichen. Und genau da merkt man, wie schnell aus einem Geschenk etwas wird, das zumindest teilweise mit einer Erwartung verbunden ist.
Ähnlich ist es, wenn wir jemandem einfach so eine Freude machen. Wir helfen, schenken etwas, unterstützen jemanden oder investieren Zeit und Aufmerksamkeit, ohne dass es dafür einen konkreten Anlass gibt. Auch da kann man sich fragen, ob wirklich gar keine Erwartung dahintersteht. Vielleicht geht es nicht darum, irgendwann irgendwas in gleicher Wertigkeit zurückzubekommen, aber vielleicht hoffen wir auf Dankbarkeit, Anerkennung oder eine engere Verbindung. Vielleicht wollen wir uns selbst als großzügig erleben oder einfach das gute Gefühl haben, etwas Richtiges getan zu haben. Vielleicht glauben wir an Karma, an einem Platz im Himmel, einen Ausgleich oder daran, dass gute Dinge irgendwann zu uns zurückkommen.
Die Frage ist dann natürlich, ob das eine Form des Gebens wertvoller oder „reiner“ macht als eine andere. Ich weiß es nicht. Ich glaube aber inzwischen, dass bedingungsloses Geben nicht bedeuten muss, dass ich selbst überhaupt nichts davon haben darf. Natürlich darf ich mich freuen, wenn ich jemandem etwas schenke. Natürlich darf sich das gut anfühlen und natürlich darf ich dabei auch etwas über mich selbst erfahren. Das macht die Handlung für mich nicht automatisch weniger ehrlich.
Entscheidend ist für mich inzwischen eher, ob ich den anderen innerlich in die Pflicht nehme, also ob aus meinem Geben irgendwann ein unausgesprochener Anspruch entsteht. Ob ich erwarte, dass sich jemand auf eine bestimmte Art freut, sich bedankt, sich revanchiert oder wenigstens anerkennt, was ich getan habe. Genau da beginnt für mich der Unterschied zwischen Geben und einem verdeckten Austauschgeschäft. Einige Menschen sprechen auch von einem „Energieausgleich“.
Wer gibt will was.
Meine eigene Erfahrung damit begann übrigens ziemlich unspektakulär, als mein Lehrer mich irgendwann dazu aufforderte, einfach mal Geld zu „verlieren“. Erst ein Zwei-Euro-Stück, später vielleicht einen Zehner und irgendwann sogar einen Fünfziger, den ich irgendwo hinlegen konnte, ohne danach zu kontrollieren, wer ihn findet und was damit passiert. Ein kleiner Zettel dazu, vielleicht nur mit den Worten „Viel Freude damit“. Ein wesentlicher Teil dieser Übung war aber gar nicht nur das Verschenken selbst, sondern die Frage: Was passiert eigentlich mit mir dabei? Geld ist fast immer mit Gefühlen verknüpft, und längst nicht immer mit angenehmen. Wer wenig hat, verbindet damit vielleicht Sorge, Mangel oder Druck, wer viel hat, vielleicht Sicherheit, aber genauso gut auch die Angst, es wieder zu verlieren. Und selbst wenn genug da ist, kann plötzlich dieser Gedanke auftauchen: Bin ich eigentlich bescheuert, einfach fünfzig Euro irgendwo liegen zu lassen? Davon hätte ich mir doch selbst etwas kaufen können. Gleichzeitig weiß man aber, dass irgendwo jemand diesen Schein finden wird, vielleicht völlig überrascht, vielleicht genau im richtigen Moment, vielleicht mit dem Gefühl, dass das gerade ein Geschenk des Himmels sein muss. Und genau das nicht zu wissen, fand ich damals ziemlich spannend.
Für mich war diese Übung deshalb nicht nur eine Erfahrung mit Geben, sondern auch mit meiner eigenen Beziehung zu Geld. Und das ist wahrscheinlich noch einmal ein komplett eigenes Kapitel, weil wir bei Geld oft erstaunlich schräge Prägungen mit uns herumschleppen! Wir lernen früh, dass Geld hart erarbeitet werden muss, dass man vernünftig damit umgehen soll, dass man es klug anlegen, dass man es nicht einfach verschwenden darf und dass Sicherheit auch davon abhängt, möglichst genug davon zu haben. Und wenn man es ganz nüchtern betrachtet, verschenkt man beim Verschenken von Geld deshalb nicht nur bedrucktes Papier, sondern ein Stück der eigenen Arbeitszeit und damit letztlich auch Lebenszeit. Vielleicht löst genau das so viele Gefühle aus.
Inzwischen mache ich solche Dinge immer mal wieder. Ich verschenke Geld, gebe manchmal Trinkgeld, das gemessen an der Rechnung eigentlich völlig überdimensioniert ist, oder drücke jemandem etwas in die Hand, der überhaupt nicht damit rechnet. Auch den Kindern von Freunden habe ich schon einfach so einen größeren Geldschein in die Hand gedrückt. Meistens kommt dann erst einmal dieses reflexhafte „Nein, das kann ich nicht annehmen“, und genau da wird es für mich interessant. Dann sage ich sinngemäß: Doch, kannst du. Du hast jetzt die Chance, das einfach anzunehmen, und ich zähle von drei herunter. Spätestens bei null ist der Schein dann meistens weg. Dann muss ich immer lachen. Dazu gibt es nur noch den Auftrag, damit irgendetwas zu machen, das wirklich Spaß macht. Genau solche Momente mag ich, weil sie Menschen für einen Augenblick verblüffen und etwas Ungeplantes in einen ganz normalen Tag bringen. Was ich selbst davon habe, kann ich gar nicht genau sagen. Vielleicht tatsächlich nur die Freude darüber, dass jemand anderes sich freut und für einen Moment etwas passiert, womit niemand gerechnet hat.
Besonders nah kommt man dem bedingungslosen Geben wahrscheinlich dann, wenn man etwas für Menschen tut, die man gar nicht kennt. Wenn man gibt, ohne genau zu wissen, wer es am Ende bekommt, ohne sicher zu sein, was daraus entsteht und ohne Aussicht darauf, die Reaktion darauf überhaupt mitzubekommen. Genau diese Erfahrung durfte ich in den letzten Wochen einmal von der anderen Seite machen. Ich habe erlebt, dass Menschen Geld und Dinge geben, ohne die Empfänger persönlich zu kennen, ohne Kontrolle darüber zu haben, wie genau ihre Gabe verwendet wird und ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Einige von euch werden sehr genau wissen, was ich damit meine. Und vielleicht hat mich gerade das noch einmal so beschäftigt, weil darin etwas steckt, das dem bedingungslosen Geben für mich erstaunlich nahekommt: etwas abzugeben, es loszulassen und darauf zu vertrauen, dass es dort etwas Gutes bewirkt, wo es gerade gebraucht wird.
Vielleicht braucht es dafür tatsächlich ein bestimmtes inneres Standing. Nicht im Sinne von besonderer Reife oder moralischer Überlegenheit, sondern eher die Fähigkeit, etwas geben zu können, ohne daraus automatisch einen Anspruch abzuleiten. Man muss nicht völlig selbstlos sein und auch nicht frei von jedem eigenen Gefühl. Man muss nur in der Lage sein, das Gegebene wirklich loszulassen.
Ich glaube deshalb inzwischen, dass bedingungsloses Geben durchaus möglich ist. Nicht dann, wenn ich selbst nichts davon habe, sondern dann, wenn ich vom anderen nichts dafür brauche. Mein gutes Gefühl darf bleiben. Meine Freude auch. Entscheidend ist nur, dass daraus keine Erwartung an den anderen entsteht.
Text: "Wer gibt, will was." Wie bedingungslos kann Geben wirklich sein? von Jeannette Kriesel
Wenn dieser Text nicht ganz spurlos an dir vorbeigezogen ist …
… dann darf er gern weiterziehen. Teil ihn, schick ihn jemandem, der ihn brauchen könnte oder behalt ihn erstmal für dich und tu so, als wärst du ganz zufällig klüger geworden.
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Jeannette Kriesel


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