Eigentor mit Ansage

Wenn man genau das tut, was man bei anderen für ziemlich bescheuert hält. Eigentor mit Ansage

Ich habe ja eine ziemlich klare Meinung zu diesem Hochglanz-Gehabe, das in pädagogischen Einrichtungen gerne ausbricht, sobald eine Evaluation, eine Begehung oder irgendein offizieller Termin ansteht. (Das hatte ich mal in meinem Text „Wenn Kinder unter die Räder kommen“ thematisiert.)
Jedenfalls, wird plötzlich dokumentiert, sortiert, beschriftet, aufgehübscht und nachgearbeitet, als wäre das der ganz normale Alltag. Alles sieht ordentlich aus, jede Mappe ist vollständig, jedes Konzept ist aktuell und natürlich läuft grundsätzlich alles genau so, wie es vorgesehen ist. Was dabei nicht sichtbar wird: Dass dieser Zustand im normalen Betrieb oft überhaupt nicht dauerhaft herzustellen ist…
Dass vieles nur deshalb so aussieht, weil vorher noch einmal alle Kräfte mobilisiert wurden, Menschen länger bleiben, Dinge mit nach Hause nehmen oder irgendwo noch Zeit herausquetschen, die eigentlich gar nicht da ist. Das habe ich immer ziemlich scharf kritisiert. Denn wenn wir Strukturen künstlich besser aussehen lassen, als sie tatsächlich funktionieren, kann natürlich auch niemand erkennen, wo es eigentlich hakt. Dann heißt es am Ende: Läuft doch. Alle Aufgaben erledigt, alles dokumentiert, alles wunderbar.
Und? Naja, dann habe ich mich selbst dabei erwischt. Ich arbeite ja inzwischen in der Kinder- und Jugendhilfe, in einer Wohngruppe. Und wer jetzt denkt, da sitzt man hauptsächlich mit Teenagern zusammen, führt kluge Gespräche und spielt zwischendurch eine Runde Karten… Joah, nett gedacht!
Vorher aber erst noch ein paar Kleinigkeiten: Dokumentationen, Gesprächsprotokolle, Zusammenfassungen, Zwei-Wochen-Gespräche mit den Bezugskindern, Entwicklungsberichte, Hilfepläne, Telefonate mit Jugendämtern, Mails an Vormünder, Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern, Absprachen mit Eltern, Arzttermine vereinbaren und begleiten, Beratungsstellen, Anträge, Ämter, Kostenübernahmen, Abwarten, Wiedervorlagen, therapeutische Anbindungen koordinieren, usw.
Dann gibt es noch das ganz normale Tagesgeschäft: Taschengeldauszahlung, Kids-Meeting, Zimmerordnung vorantreiben, Aufräumen, Wäsche anleiten, Küchendienste, Kochdienste, irgendwelche Zettel finden, irgendwelche anderen Zettel unterschreiben lassen, Telefone, die klingeln, Türen, die aufgehen, Jugendliche, die etwas brauchen, Jugendliche, die behaupten, nichts zu brauchen, und bei denen man ziemlich genau weiß, dass das Gegenteil der Fall ist.
Und all das wird natürlich dokumentiert, damit Team, Leitung und Behörden auf dem Laufenden bleibt: Was wurde besprochen? Was wurde vereinbart? Ziele? Wann? Wie? Warum eigentlich? Wer macht was? Was ist der nächste Schritt? Was steht als Nächstes auf der Agenda?
Und das Verrückte ist, dass ich das voll geil finde. Ich mag diese Arbeit wirklich. Ich telefoniere gerne mit Schulen, weil ich wissen will, wie es meinen Bezugskindern dort geht. Ich tausche mich gerne mit Jugendämtern und Vormündern aus. Ich mag es, Zusammenhänge zu verstehen und ein rundes Bild zu bekommen. Ich finde es befriedigend, Dinge zu organisieren, Prozesse anzuschieben und später sagen zu können: Whoohoo, erledigt!
Ich liebe es Haken auf meiner To-do-List zu machen. Also habe ich nach einigen Monaten angefangen, Dinge zu Hause fertigzumachen oder auch vorzubereiten. Nix Dramatisches!
Nur noch schnell dieses eine Protokoll und nur noch kurz den Arbeitsnachweis, eben die Gesprächszusammenfassung fertigschreiben, noch schnell die Notizen so aufbereiten, dass ich sie mir auf die Arbeit schicken und dort am nächsten Tag einfach versenden kann. Supervernünftig, wahnsinnig professionell und mega effizient. Obwohl: eher effektiv als effizient…
Und dann kam das „Hä? Bin ich bescheuert?“ Ich mache gerade exakt das, was ich seit Jahren bei anderen kritisiere. Ich fülle Lücken, und zwar privat. Und sorge gleichzeitig dafür, dass es hinterher so aussieht, als hätte es gar keine gegeben.
Nach außen ist alles erledigt, funktioniert das Pensum, scheinen die Aufgaben innerhalb der vorgesehenen Arbeitszeit machbar zu sein. Dass ich abends zu Hause noch stundenlang daran gesessen habe, sieht kein Mensch. Und da war sie dann: Meine ganz persönliche kleine Hochglanz-Politur. Und jetzt kommt mein Lieblingsanteil an der Geschichte. Bei anderen erkenne ich solche Mechanismen nämlich sensationell gut.
Bei anderen heißt es: Das ist strukturelle Überforderung. Bei mir heißt es: Ich mach das eben noch schnell fertig. Bei anderen heißt es: Da werden unrealistische Erwartungen künstlich bedient. Bei mir heißt es: Ich bin halt gewissenhaft. Bei anderen heißt es: So werden Missstände unsichtbar gemacht. Bei mir heißt es: Ach, die eine Stunde. Bei anderen sage ich: Leute, wenn ihr ständig privat nacharbeitet, sieht doch niemand, dass das Pensum überhaupt nicht zu schaffen ist. Und bei mir? Joah, keine Ahnung ey! Offenbar Totalausfall und mein Super-Blind-Spot.
Und eigentlich finde ich das ziemlich witzig, oder eher Tragik-komisch, denn es zeigt so herrlich, dass man eine ziemlich klare Haltung haben kann und trotzdem nicht davor geschützt ist, in genau dieselben Muster reinzulatschen. Man kann sich für reflektiert halten, kluge Texte darüber schreiben, anderen erklären, warum etwas strukturell nicht funktioniert und dabei wirklich sehr überzeugend sein. Und dann sitzt man abends mit dem Laptop auf dem Sofa und macht exakt denselben Scheiß.
Nur natürlich aus völlig anderen Gründen. Na aber sicher doch!
Blinde Flecken sind ja auch nur dann richtig gute blinde Flecken, wenn man sie selbst nicht sieht. Und manchmal braucht es eben tatsächlich einen Blick von außen, damit jemand einmal fragt: Äh, bist du dumm oder so? Merkste selber, wa? Jepp, jetzt schon.
Die Erkenntnis daraus ist übrigens nicht, dass ich ab sofort alles stehen und liegen lasse oder meine Dokumentation vernachlässige und mich stattdessen mit den Jugendlichen aufs Sofa werfe und chille, während die Arbeit für das restliche Team liegen bleibt. Und es geht auch nicht darum, sich aus Verantwortungen rauszureden, sondern darum, eine Realität nicht schöner zu machen, als sie ist.
Und wenn ich meine Aufgaben innerhalb meiner Arbeitszeit nicht vollständig erledigen kann, dann ist das einfach eine Information, fertig! Vielleicht habe ich falsch priorisiert, vielleicht war der Tag besonders voll oder es gab, wie so oft, etwas Ungeplantes, das dazwischen kam. Vielleicht ist aber auch einfach das Pensum zu hoch und Prozesse müssen anders organisiert werden. Aber wenn ich diese Lücke jedes Mal privat schließe, bekommt niemand die Chance, überhaupt zu sehen, dass sie existiert.
Inzwischen kann ich mir gerade selber ziemlich herzlich einen Vogel zeigen. Da wettere ich über Systeme, die sich für Evaluationen hübsch machen, und merke nicht, dass ich längst mit dem Lappen danebenstehe. Szenenapplaus! Sauber erkannt, Jeannette. Ein paar Monate zu spät, aber immerhin. Aber manchmal ist Selbstreflexion eben nicht besonders würdevoll, wenn man den eigenen Bullshit erkennt. Aber hey, jetzt hab ich´s gecheckt!
Text: Eigentor mit Ansage. Wenn man genau das tut, was man bei anderen für ziemlich bescheuert hält. von Jeannette Kriesel
Wenn dieser Text nicht ganz spurlos an dir vorbeigezogen ist …
… dann darf er gern weiterziehen. Teil ihn, schick ihn jemandem, der ihn brauchen könnte oder behalt ihn erstmal für dich und tu so, als wärst du ganz zufällig klüger geworden.
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Danke. Wirklich.
Jeannette Kriesel

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