Geschirr, Teenager-Zimmer und der Schleier des Vergessens
- Jeannette Kriesel

- vor 2 Tagen
- 7 Min. Lesezeit
Von Tellern, Joghurtbechern und Quantenfeldern

Main Topic für die meisten Eltern von Teenagern
Es gibt Phänomene im Familienleben, die sind so banal, dass man sie kaum ernst nehmen möchte. Und gleichzeitig sind sie so universell, dass man irgendwann doch Fragen hat.
Tassen, Teller, Schüsseln, Gläser, kleine Löffel, die plötzlich fehlen, obwohl man ganz sicher einmal zwölf davon im Küchenschrank hatte. Müslischalen mit einem angetrockneten Rand, der nicht mehr eindeutig einer bekannten Lebensmittelgruppe zuzuordnen ist. Wasserflaschen, Joghurtbecher, Besteckteile, die offenbar auf dem Weg von der Küche ins Kinderzimmer ihre bürgerliche Identität aufgegeben haben und nun als freie Objekte in einem halbtextilen Ökosystem weiterleben.
Und jedes Mal steht man als Mutter oder Vater irgendwann in der Zimmertür, blickt in diese Mischung aus Rückzugsort, Wäschezwischenlager, Ladekabelnest und archäologischer Grabungsstätte und fragt sich:
Wie, zur Hölle...?
Wie kann man hier leben? Wie kann man an drei Gläsern vorbeigehen, ohne sie zu sehen? Wie kann ein Teller auf dem Schreibtisch stehen, direkt neben dem Laptop, also im absoluten Zentrum jugendlicher Existenz, und trotzdem aus dem Wahrnehmungsfeld fallen?
Und vor allem: Warum betrifft das gefühlt alle? Ich weiß, dass ich mit dieser Frage null alleine bin! Und ja, ich weiß auch: es gibt Ausnahmen. Es gibt sie, diese, eher selten zu findenden, ordentlichen Teenager, deren Zimmer aussehen, als hätten sie heimlich einen minimalistischen Schöner-Wohnen-Newsletter abonniert. Die ihre Wäsche falten, ihre Schreibtische sortieren und benutztes Geschirr ohne Aufforderung in die Küche bringen. Aber seien wir ehrlich: Solche Exemplare beruhigen einen nicht unbedingt. Sie wirken eher ein bisschen verdächtig. Man fragt sich, ob sie auch kleine Etiketten auf ihre Unterwäsche kleben oder Socken bügeln würden, wenn man sie lässt. Jepp, ich übertreibe. Aber ich habe Spaß dabei!
Bei den meisten Jugendlichen passiert etwas anderes.
Sie nehmen einen Teller mit aufs Zimmer. Essen dort irgendetwas, das vermutlich aus Kohlenhydraten, Käse und emotionaler Dringlichkeit besteht, stellen den Teller irgendwo ab und plötzlich endet die bewusste Wahrnehmung. Aber warum, verflixt, ist das so?
Vielleicht, weil dieser Teller dann einfach seine Bedeutung verliert. Er ist nicht mehr Essen und nicht mehr Bedürfnisbefriedigung. Jetzt ist er nur noch Hintergrundrauschen. Und wir wissen bestens, Teenager-Gehirne sind erstaunlich gut darin, Hintergrundrauschen zu ignorieren.
Eltern hingegen verfügen über eine andere Wahrnehmung. Eltern betreten einen Raum und erfassen binnen 0,7 Sekunden zwei benutzte Gläser, fünf Socken, eine getragene Schlüpper, ein Ladekabel, ein leerer Joghurtbecher, ein feuchtes Handtuch und einen Löffel, der etwas an sich trägt, das man nur noch mit Mut und heißem Wasser anfassen möchte.
Teenager betreten denselben Raum und sehen: NICHTS.
Oder genauer gesagt: Sie sehen ihr Zimmer. Für sie ist das kein Chaos, sondern Lebensraum. Eine Mischung aus Höhle, Kommandozentrale, Rückzugsgebiet, Bühnenbild, mentalem Zwischenlager und manchmal auch biologischem Experimentierfeld. Das Zimmer ist nicht primär ein Ort, der „ordentlich“ sein soll. Es ist ein Ausdruck innerer Übergangsprozesse. Und Übergangsprozesse sind selten frisch gewischt.
Das Ding mit der Priorisierung
Die Pubertät ist, wenn man es freundlich ausdrücken möchte, eine umfassende Umbaumaßnahme bei laufendem Betrieb. Das Gehirn sortiert sich neu. Die soziale Welt wird riesig. Der eigene Körper wird fremd. Identität wird verhandelt. Zugehörigkeit wird überlebenswichtig. Alles ist intensiv, peinlich, dringend oder komplett egal.
Gleichzeitig ist der Teil des Gehirns, der für Planung, Impulskontrolle, Vorausdenken und „Ach ja, ich könnte den Teller direkt mit runternehmen“-Impulse zuständig ist, noch nicht vollständig eingerichtet. (Und ich werde überhaupt nicht müde, immer und immer wieder darüber zu schreiben!)
Im Teenager wohnt bereits ein Mensch mit erstaunlicher Tiefe, Humor, Intelligenz, Witz, Widerstandskraft und gelegentlich philosophischer Klarheit. Aber der innere Hausmeister hat noch keine Schlüssel bekommen.
Darum kann ein Jugendlicher abends um 23:41 Uhr hochkomplexe soziale Dynamiken in einer WhatsApp-Gruppe analysieren, inklusive Subtext, Emojis, Antwortzeiten und der existenziellen Bedeutung eines einzelnen „okay“, aber am nächsten Morgen nicht sehen, dass auf dem Weg zur Küche zwei Gläser in seinem Zimmer stehen, die dort inzwischen eigene Religionen gegründet haben.
Das hat in meiner Welt aber nichts mit Faulheits-Allüren, Provokations-Tendenzen oder einfach nur Blödheit zu tun, sondern ist ein Thema der Priorisierung. Nur leider eine Priorisierung, bei der der elterliche Anspruch regelmäßig hinten runterfällt. Zusammen mit dem Geschirr. Denn natürlich geht es Eltern nicht nur um den Teller. Wäre es nur der Teller, könnte man tief atmen, ihn nehmen und fertig. Aber das ist ja der perfide Trick des Tellers! Er ist nie nur ein Teller, stimmt´s?
Es geht nie nur um den Teller Geschirr, Teenager-Zimmer
Er steht nämlich für alles, was unsichtbar mitläuft. Wer sieht es? Wer denkt daran? Wer räumt es weg? Wer verhindert, dass aus einem Kinderzimmer ein archäologischer Fundort wird? Wer merkt wann, dass keine kleinen Löffel mehr da sind? Wer fragt sich, ob das Glas auf dem Nachttisch noch Wasser enthält oder bereits eine neue Kulturform?
Nicht der Teller macht müde, oder das Glas, der Löffel mit angetrocknetem Etwas, das laut Teenager „gar nicht schlimm“ ist. Müde macht dieses permanente innere Mitlaufen, dieses elterliche Dauer-Radar und diese unsichtbare Zuständigkeit für die Realität.
Eltern leben oft in einem Zustand permanenter Umgebungswahrnehmung. Sie sehen nicht nur, was ist, sondern auch, was daraus wird, wenn niemand etwas tut. Der feuchte Waschlappen ist für Eltern nicht einfach ein feuchter Waschlappen. Er ist ein unliebsamer Vorbote, ein möglicher Geruch und das zukünftige Gespräch, das mit „Warum riecht es hier so?“ beginnt.
Teenager leben punktueller. Sie sehen, was gerade in ihrer Welt relevant ist. Hunger, Nachricht, nice Hoodie, Musik, Schule nervt, Haare liegen scheiße, Eyeliner gelingt nicht, fuck Handy-Akku leer, Weltuntergang….
Der Teller ist in dieser Rangliste ungefähr Platz 783. Und dann stehen Eltern in der Tür und sagen: „Nimm bitte dein Geschirr mit runter.“ Der Teenager sagt: „Mach ich gleich.“ Und dieses „gleich“ ist kein normales deutsches Wort, sondern ein pubertäres Zeitloch. „Gleich“ bedeutet nicht „umgehend“, „sofort“, „jetzt“. Es bedeutet: Irgendwann zwischen jetzt, nie und dem Moment, in dem du komplett eskalierst und dann irritiert gefragt wirst, warum du direkt so übertreibst.
An dieser Stelle könnte man natürlich streng werden. Man könnte sagen: „Das ist eine Frage von Respekt.“ Und ja, natürlich, ein gemeinsamer Haushalt funktioniert nicht, wenn eine Person dauerhaft die Spuren aller anderen beseitigt. Jugendliche dürfen und sollen Verantwortung übernehmen. Sie dürfen lernen, dass benutztes Geschirr nicht magisch verschwindet, dass Handtücher nicht immer von selbst trocknen und Wäscheberge nur selten als erhaltenswerte Readymade-Kunst-Installationen durchgehen.
Aber wenn man nur moralisch darauf schaut, verpasst man den Witz der Sache, und vielleicht auch die Wahrheit. Denn vielleicht ist dieses ganze Teenager-Geschirr-Phänomen tatsächlich irgend so ein schräges Entwicklungsding. So etwas wie eine kollektiv verankerte Veranlagung mit genetischer Disposition zur temporären Haushaltsblindheit. Oder es wabert wirklich in irgendeinem Teenager-Quantenfeld, in dem Teller ihren Aggregatzustand verändern, sobald sie die Küche verlassen.
Jugendzimmer: die moderne Höhle.
Früher lagen dort Felle, Knochen und Werkzeuge. Heute liegen dort AirPods, von Mama zu unterschreibende Schulzettel, Gläser, Tassen und Schüsseln. Der Teenager markiert sein Revier nicht mehr mit Rauchzeichen, sondern mit benutztem Geschirr. Wer weiß…
Vielleicht ist der Teller sogar ein Bindungsobjekt. Er verlässt die Küche, geht mit dem Kind in die Autonomiezone und bleibt dort als stiller Botschafter der Familie zurück, wie ein Porzellan gewordener Satz, der leise flüstert: Ich gehöre noch zu euch, aber bitte kommt nicht einfach rein.
Wobei Eltern dann natürlich so etwas sagen wie: „Sehr schön. Dann bring den Botschafter jetzt bitte in die Spülmaschine.“
Dabei sind Teenager nicht einfach nur unordentlich und faul. Sie sind junge Menschen im Umbau. Sie wollen selbstständig sein, aber nicht immer zuständig, wollen Rückzug und gleichzeitig versorgt werden. Freiheit, aber WLAN. Eigenes Leben, aber bitte einen prall gefüllten Kühlschrank. Sie wollen nicht kontrolliert werden, aber wenn niemand ihre Lieblings-Wraps kauft, ist das Leben plötzlich eine Zumutung.
Eltern wollen loslassen, aber nicht in einem Haushalt leben, der aussieht, als würde täglich ein Festival dort stattfinden.
Beide Seiten haben ein Anliegen.
Die Jugendlichen brauchen ihren Raum, ihre Höhle, ihr Durcheinander, ihren Rückzug, ihre Übergangszone zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. Und Eltern brauchen das Gefühl, nicht allein für die materielle Wirklichkeit zuständig zu sein. Denn so viel spirituelle Reife kann man gar nicht haben, dass man beim dritten Glas unter dem Bett noch denkt: Ach, interessant, ein Entwicklungs-Rauschen. Manchmal denkt man einfach:
Bring! Dein! Zeug! Runter!
Und das ist legitim. Vielleicht liegt die Lösung also gar nicht darin, das Ganze zu dramatisieren oder wegzulächeln. Vielleicht hilft eine Mischung aus Humor und Klarheit. Man darf verstehen, dass Teenager-Hirne anders priorisieren. Man darf darüber lachen, dass ein Teller im Jugendzimmer offenbar Tarnkappen-Technologie entwickelt. Und man darf trotzdem sagen: „Du wohnst hier mit anderen Menschen. Dein Zimmer darf dein Zimmer sein. Aber unser Geschirr führt kein Zweitleben unter deinem Bett.“
Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem Elternschaft ohnehin am ehrlichsten wird: Wir begleiten diese Wesen in die Autonomie und erinnern sie gleichzeitig daran, dass Autonomie auch bedeutet, seine Futterreste selbst in die Küche zu tragen.
Und irgendwann, so munkelt man, ziehen diese Wesen aus, kaufen eigenes Geschirr, haben eigene Küchen und stellen eigene Regeln auf. Und möglicherweise rufen sie eines Tages an und verkünden genervt, dass in der WG jeder ständig seinen Scheiß stehen lässt.
Dann, meine Lieben, schließt sich der Kreis. Und vielleicht lächeln wir dann milde, sagen einfach gar nichts und flüstern nur innerlich: „Willkommen im Feld.“
Bis dahin bleibt uns nur der tägliche Blick ins Teenager-Zimmer mit immer neuen und überraschenden Unordnungs-Komponenten, auf die wir weder in diesem noch im nächsten Leben kommen würden. Diese kleine Expedition in ein Gebiet, in dem Zeit, Ordnung und Besteck anderen Gesetzen folgen. Aber klar ist, der Teller verschwindet nie wirklich. Er wechselt nur den Aggregatzustand. Oder, um es wissenschaftlich völlig unhaltbar, aber emotional präziser zu formulieren:
Zwischen Teenager-Zimmer und Küche liegt kein Flur. Dort liegt ein Schleier des Vergessens.
Text: Geschirr, Teenager-Zimmer und der Schleier des Vergessens von Jeannette Kriesel
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Jeannette Kriesel



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