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Kotzen, bleiben, wachsen

  • Autorenbild: Jeannette Kriesel
    Jeannette Kriesel
  • vor 2 Stunden
  • 12 Min. Lesezeit

Ein Mini-Manifest über authentische Veränderung


Meditierende Frau im Mohnblumenfeld
Bildquelle: IStock lizensiert

Es gibt diese hartnäckige Fantasie, Veränderung sei vor allem eine Frage der Einsicht. Man müsse nur tief genug verstanden haben, woher das eigene Muster kommt, warum man so reagiert, weshalb man immer wieder an derselben beschissenen Stelle einknickt, und irgendwann würde sich daraus fast von selbst ein neues Leben ergeben. Ein Irrtum. Denn Erkenntnis kann berühren, entlarven, aufrütteln, aber sie ersetzt noch lange keine Bewegung. Sie macht das Alte sichtbar, sie entmachtet es aber nicht automatisch.


Wer sich verändern will, gerät deshalb früher oder später an einen Punkt, an dem Verstehen nicht mehr reicht. Da steht man dann mit seinem Wissen, seinen Analysen, seinen sauber benannten Prägungen und merkt plötzlich, dass all das erstaunlich wenig nützt, sobald es ernst wird, ein Nein ausgesprochen werden müsste, eine Grenze fällig wäre und man wirklich aufhören müsste, sich an dem festzuhalten, was einen zwar klein hält, aber immerhin vertraut ist.


Genau darin liegt nämlich die Zumutung: Unser System orientiert sich nicht an Wahrheit, Wachstum oder innerer Stimmigkeit, sondern zunächst an Sicherheit. Und Sicherheit meint in diesem Zusammenhang nicht Frieden, Weite oder Gesundheit, sondern Wiedererkennbarkeit. Das, was bekannt ist, bekommt fast immer den Vorzug vor dem, was richtig wäre. Selbst dann, wenn das Bekannte schmerzt, wenn es längst zu eng geworden ist und wenn man sich selbst in den eigenen Gewohnheiten kaum noch aufrecht begegnen kann.


Darum fühlt sich Veränderung selten nach Aufbruch an, sondern nach Kontrollverlust, weil dein Nervensystem nicht gerade begeistert Applaus klatscht, wenn du beginnst, alte Überlebensstrategien außer Kraft zu setzen. Es hält sie ja nicht für problematisch, sondern für bewährt. Was dich einmal geschützt hat, Schweigen, Anpassen, Funktionieren, Rückzug, Selbstverrat, steht nicht ohne Grund so zuverlässig zur Verfügung. Diese Muster wurden installiert, um dich irgendwie durchzubringen. Dass sie heute oft mehr kosten als retten, ändert nichts daran, dass dein System sie noch immer für vernünftige Vorschläge hält.


Deshalb ist Veränderung auch sehr viel weniger romantisch, als viele sie gerne hätten. Sie ist keine lineare Entfaltung und schon gar kein schöner Selbstoptimierungsprozess mit süßen Erkenntnis-Cookies. Meist beginnt sie dort, wo sich das bisherige Leben nicht mehr überzeugend erklären lässt. Wo die alte Geschichte nicht mehr trägt und der Körper längst reagiert, obwohl der Kopf noch versucht, Haltung zu bewahren. Und wo man spürt, dass es so nicht weitergehen kann, ohne gleichzeitig zu wissen, wie das Neue eigentlich aussehen soll.


Und dann erst zeigt sich, was Akzeptanz wirklich ist. Nicht eine milde, dekorative Form von Selbstzuwendung, die alles in warmes Licht taucht und möglichst schnell wieder beruhigt, sondern die Bereitschaft, der eigenen Wahrheit ohne Beschönigung zu begegnen. Akzeptanz heißt, nicht länger permanent an sich selbst vorbeizufahren. Sie beginnt dort, wo du nicht mehr versuchst, deine Wut in Reife umzudeuten, deine Erschöpfung als vorübergehende Schwäche abzutun oder deine Angst mit vernünftigen Erklärungen zu verkleiden. Sie ist weder hübsch noch erhaben, aber sie hat Rückgrat. Und ohne dieses Rückgrat bleibt jede Veränderung bloß ein schöner Gedanke.


Mit Verantwortung ist es ähnlich. Auch sie wird gern missverstanden, entweder als moralische Keule oder als versteckte Schuldzuweisung. Dabei liegt ihre Kraft woanders. Du bist nicht verantwortlich für alles, was dich geprägt, überfordert, verformt oder verletzt hat. Aber du bist verantwortlich dafür, ob du heute bereit bist, dir selbst an den Stellen zu begegnen, an denen du dich bisher verlassen hast. Verantwortung ist nicht die Strafe für deine Geschichte, sondern der Moment, in dem du aufhörst, ihr das letzte Wort zu überlassen.


Schwierig wird es dort, wo aus Einsicht Handlung werden soll. Denn Umsetzung klingt erst einmal vollkommen harmlos, ist aber der eigentliche Brennpunkt. Solange du nachdenkst, sortierst, reflektierst und erkennst, bleibt das meiste noch relativ ungefährlich. Erst wenn du dich anders verhältst, beginnt die Reibung. Dann wird aus einer Idee plötzlich ein Risiko und die Grenze muss nicht nur gut begründet sein, sondern auch tatsächlich gesetzt werden. Dann muss das alte „Ja“ ausbleiben, obwohl dein ganzes System lieber wieder gefallen würde. Und du musst womöglich stehen bleiben, obwohl dich alles in dir zurück in die vertraute Rolle treiben würde.


Und natürlich wird das nicht elegant verlaufen. Du wirst nicht eines Morgens aufwachen und in vollendeter innerer Reife durch dein neues Leben gleiten. Es wird Tage geben, an denen du wieder in alte Muster fällst, dich kleinmachst, rechtfertigst, zurückruderst oder dir selbst beim alten Schauspiel zusiehst, obwohl du längst durchschaut hast, was da gerade passiert. Das ist ätzend, aber kein Gegenargument. Rückfälle sind nicht das Ende der Veränderung, sondern Teil ihrer Wirklichkeit. Wer sich nur dann auf dem richtigen Weg wähnt, wenn alles sauber, klar und konsequent verläuft, hat Veränderung wahrscheinlich mit Imagepflege verwechselt.


Wachstum zeigt sich ohnehin selten in großen Gesten. Meist ist es viel unspektakulärer aber viel würdevoller. Es liegt in den Momenten, in denen du nicht sofort wieder wegrutschst, obwohl es unangenehm wird. Es sind die Momente, in denen du nicht mehr reflexhaft einknickst, sobald Scham, Unsicherheit oder innerer Druck auftauchen. Momente, in denen du nicht mehr alles glättest, nur damit es nach außen gut aussieht. Und Momente, wo du damit aufhörst, dich nur in den Versionen von dir zu mögen, die kontrolliert, souverän und erklärbar wirken.


Denn Veränderung verlangt am Ende nicht, dass du ein neuer Mensch wirst, jedes Muster auflöst, jede Wunde heilst und jede biografische Schieflage in Erkenntnisgold verwandelst. Sie verlangt lediglich mehr Ehrlichkeit, als den meisten lieb ist. Mehr Bereitschaft, da zu bleiben, wo es sich gerade total beschissen anfühlt. Mehr Mut, sich nicht immer wieder in alte Identitäten zurückzuretten, nur weil sie vertraut sind. Und mehr Wahrhaftigkeit in dem, was man ab jetzt nicht länger mit sich machen will.


Kotzen, bleiben, wachsen heißt dann nicht, sich heldenhaft durch Schmerz zu prügeln. Es heißt, die Zumutung echter Veränderung auszuhalten, ohne sich dabei wieder in eine bequeme Lüge zu retten.


Es gibt Texte, die wollen beruhigen. Dieser hier gehört nicht dazu, weil Beschwichtigung oft nur die nette Schwester des Aufschubs ist. Menschen können sehr lange so tun, als seien sie auf dem Weg, während sie in Wahrheit nur immer raffinierter darin werden, sich selbst zu rechtfertigen. Sie lesen, reflektieren, erkennen Muster, sprechen über Nervensysteme, Prägung, Bindung, Schutzstrategien und biografische Logik, und all das kann sinnvoll sein. Es kann entlasten, sortieren, Sprache geben für das, was lange diffus war. Es ändert nur erstaunlich wenig, solange das eigene Leben an den entscheidenden Stellen genauso weiterläuft wie vorher.


Denn Veränderung scheitert selten am fehlenden Wissen. Sie scheitert öfter daran, dass ein Mensch zwar verstanden hat, was ihn klein hält, aber noch nicht bereit ist, den vertrauten inneren Vertrag mit diesem Kleinsein wirklich zu kündigen. Denn dort beginnt die Phase, bei der die meisten Menschen auf dem Absatz kehrt machen. Es ist die Phase, in der Einsicht nicht mehr genügt und in der man nicht länger an den eigenen Widersprüchen vorbei denken kann. Die, in der spürbar wird, dass die alte Form des Lebens vielleicht lange überlebbar war, aber nicht mehr aufrichtig.


Dieses Mini-Manifest will deshalb nichts hübsch machen. Es will nicht motivieren, anfeuern, aufpäppeln oder geistreich umarmen. Es will etwas Schlichteres und Härteres: die Dinge so benennen, dass man sich beim Lesen vielleicht nicht immer wohlfühlt, sich aber schlechter wieder aus dem eigenen Leben herausreden kann, denn Wahrheit beginnt oft erst dann, wenn die dekorativen Ausweichbewegungen ihren Reiz verlieren.


I. Kotzen: Über den Punkt, an dem das alte Leben nicht mehr sauber weitergetragen werden kann


Erkenntnis 1:

Veränderung beginnt dort, wo die bisherige Selbstbeschreibung ihren Glanz verliert und das eigene Leben sich nicht länger plausibel kleinreden lässt.

Die meisten Menschen halten erstaunlich viel aus, solange sie noch eine halbwegs brauchbare Erzählung dazu haben. Dann ist man eben erschöpft, überfordert, in einer schwierigen Phase, gerade emotional belastet, durch Umstände gebunden oder einfach noch nicht so weit. Solche Sätze sind nicht immer falsch. Sie werden nur gern zu einer Art sprachlichem Dämmmaterial, mit dem man sich vom eigentlichen Kern fernhält. Irgendwann reicht auch das nicht mehr. Dann merkt man, dass nicht bloß etwas anstrengend geworden ist, sondern dass man in einem Verhältnis zu sich selbst lebt, das auf Dauer nicht mehr zu ertragen ist, ohne innerlich stumpf zu werden. Genau dort beginnt Veränderung, und genau dort verliert sie meistens ihren freundlichen Charakter.


Erkenntnis 2:

Erkenntnis ist oft nur der intellektuell veredelte Vorraum der Veränderung, aber noch längst nicht ihr Vollzug.

Es gibt eine Form von Klugheit, die sehr beweglich klingt und dennoch kaum etwas bewegt. Man kann eigene Muster präzise benennen, ihre Herkunft gut verstehen und die innere Dynamik nahezu lehrbuchhaft auseinandernehmen, ohne dass sich im gelebten Leben viel verschiebt. Diese Art von Selbsterkenntnis ist nicht wertlos, aber sie wird leicht überschätzt, weil sie sich bereits nach Arbeit anfühlt. In Wahrheit ist sie häufig erst die Voraussetzung dafür, dass Veränderung überhaupt zumutbar wird. Wirklich ätzend wird es nämlich erst dort, wo Wissen seine Schutzfunktion verliert und ein Mensch nicht mehr bloß beschreiben, sondern anders handeln müsste. Dann zeigt sich, wie viel angenehmer Verstehen oft ist als das Ende einer Gewohnheit.

 

Erkenntnis 3:

Was sich in dir gegen Veränderung stemmt, ist nicht automatisch dein Feind, sondern oft nur die zähe Loyalität eines Systems, das auf Bewährtes dressiert wurde.

Menschen sind schnell darin, sich selbst zu pathologisieren, sobald sie an Grenzen stoßen, die sie mit ihrem bewussten Willen längst hinter sich gelassen glaubten. Dann wird der innere Widerstand als Charakterschwäche gelesen, die Angst als Mangel an Reife und das Festhalten am Alten als persönliche Blamage. Dabei übersieht man leicht, wie konservativ ein lebendiges System mit dem umgeht, was einmal Sicherheit versprach. Gerade das, was heute unerfreulich und erdrückend wirkt, kann früher ein funktionierender Schutz gewesen sein. Anpassung, Härte, Dauerleistung, Rückzug, emotionale Taubheit, Überkontrolle oder die Kunst, sich selbst im richtigen Moment klein zu machen, entstehen meist aus der Notwendigkeit, irgendwie durchzukommen. Wer das nicht versteht, beschimpft sich für etwas, das zunächst einmal begriffen werden will.


Erkenntnis 4:

Der Moment, in dem Veränderung ernst wird, ist selten erhebend; meistens ist er schlicht beschissen, weil das Alte schon bröckelt, während das Neue noch keine Form hat.

Viele Menschen hoffen insgeheim, echte Veränderung werde sich irgendwann so stimmig anfühlen, dass man fast automatisch in sie hineinwächst. Allerdings ist das aber eher die Wunschvorstellung eines Systems, das die Zumutung möglichst elegant umgehen möchte. Meist beginnt Wandel in einem Zwischenraum, der alles andere als inspirierend ist. Das Alte trägt nicht mehr, das Neue ist noch nicht verkörpert, und in genau dieser Schwebekonstellation fühlt sich das eigene Leben oft unfertig an. Man weiß plötzlich sehr genau, was man nicht mehr will, ohne schon verlässlich leben zu können, was stattdessen möglich wäre. Das ist eine der ehrlichsten Phasen des Prozesses. Nur hält sie kaum jemand gern aus.

 

II. Bleiben: Über die Kunst, sich nicht sofort wieder zu verlassen, sobald es unbequem wird


Erkenntnis 5:

Akzeptanz beginnt dort, wo man aufhört, den eigenen Zustand rhetorisch zu veredeln, und sich erlaubt, ihn in seiner ganzen Unbequemlichkeit zu sehen.

Akzeptanz wird gern mit Milde verwechselt, manchmal sogar mit einem angenehm klingenden Nachgeben, das alles weichzeichnet und niemanden überfordert. Was hier gebraucht wird, ist eine Form von Klarheit, die sich auch dann nicht gleich wieder zurückzieht, wenn das Gesehene zum Weglaufen ist. Es geht darum, Müdigkeit als Müdigkeit zu erkennen und nicht vorschnell in Souveränität umzudeuten, Angst als Angst stehen zu lassen, statt sie in kluge Selbstbeobachtung zu übersetzen, und auch die eigenen hässlicheren Regungen nicht sofort wieder in ein besseres Licht zu rücken. Akzeptanz ist nicht das Ende der Reibung, sondern der Anfang einer Wahrheit, die ohne Relativierung auskommt.


Erkenntnis 6:

Viele Menschen leiden weniger daran, dass es ihnen schlecht geht, als daran, dass sie sich in diesem Zustand nicht ausstehen können.

Hier wird es heikel, weil an dieser Stelle oft ein zweiter Krieg beginnt. Der erste betrifft das eigentliche Thema: die Angst, die Erschöpfung, die innere Enge, die Ambivalenz, die Scham oder den alten Schmerz. Der zweite Krieg richtet sich gegen die eigene Reaktion darauf. Man verurteilt sich dafür, noch nicht weiter zu sein, dafür, wieder dieselbe Schleife zu drehen, dafür, nicht gelassener, klarer, liebevoller oder reifer zu reagieren. Dadurch verschiebt sich der Fokus vom eigentlichen Erleben auf die Selbstabwertung über dieses Erleben. Bleiben heißt in diesem Zusammenhang etwas sehr Konkretes: dass man nicht noch zusätzlich gegen die eigene Gegenwart in den Ring steigt. Es heißt, sich auch in unangenehmen Zuständen nicht sofort zum Problem zu erklären.


Erkenntnis 7:

Wer sich verändern will, muss irgendwann lernen, zwischen innerer Wahrheit und innerem Theater zu unterscheiden.

Nicht alles, was intensiv ist, ist wahr. Nicht jede starke Emotion weist in die richtige Richtung, und nicht jede Unruhe ist ein Zeichen dafür, dass man gerade an etwas Wesentlichem dran ist. Menschen können sich dramatisch erleben und dabei doch nur auf sehr vertrauten Bühnen kreisen. Gerade deshalb ist es so wichtig, innezuhalten und genauer hinzusehen. Wo spricht wirklich etwas in mir, das ernst genommen werden will, und wo läuft nur eine alte Inszenierung ab, die mich zwar beschäftigt, aber nicht bewegt? Diese Unterscheidung braucht Nüchternheit. Sie verlangt die Bereitschaft, sich weder mit jedem Impuls zu identifizieren noch alles abzuwerten, was im Inneren aufsteigt. Wer das lernt, wird stiller und präziser zugleich.


Erkenntnis 8:

Bleiben heißt nicht, passiv zu verharren, sondern die Tendenz zu unterbrechen, sich bei innerer Enge sofort wieder in alte Fluchtbewegungen zu retten. Kotzen bleiben wachsen

Manche fliehen in Aktivität, andere in Rückzug, wieder andere in Erklärungen, Harmonie, Analyse, Konsum, Arbeit, Beziehung, Kontrolle oder geistige Überhöhung. Die Formen unterscheiden sich, die Richtung ist ähnlich: Man versucht, sich möglichst schnell aus der Spannung herauszubewegen, noch bevor diese Spannung überhaupt etwas offenbaren konnte. Bleiben ist deshalb eine Praxis gegen die eigene Reflexhaftigkeit. Es bedeutet, in unangenehmen Momenten nicht augenblicklich wieder das alte Drehbuch zu aktivieren, sondern für einen Atemzug länger bei dem zu bleiben, was sich vielleicht gerade richtig scheiße anfühlt. Genau da entsteht Würde. Weniger deshalb, weil Aushalten an sich ein Ideal wäre, sondern weil ein Mensch auf diese Weise langsam aufhört, sich im entscheidenden Moment immer wieder selbst zu verarschen.

 

III. Wachsen: Über die Form von Veränderung, die tragfähig wird


Erkenntnis 9:

Verantwortung wird erst lebendig, wenn sie nicht mehr als moralische Last erlebt wird, sondern als Rückgewinnung der eigenen Gestaltungskraft.

Viele halten Verantwortung nur so lange für sinnvoll, wie sie abstrakt bleibt. Sobald sie persönlich wird, klingt sie schnell nach Druck, Schuld oder stiller Überforderung. Dabei liegt ihre eigentliche Kraft woanders. Verantwortung fragt nicht, ob du alles hättest verhindern können oder von Anfang an alles hättest besser machen müssen. Sie fragt, ob du im Heute bereit bist, dich nicht länger hinter dem Gestern zu verschanzen. Das ist eher unsexy, weil es keine heroische Geste verlangt, sondern schlichte Aufrichtigkeit. Vielleicht musst du etwas beenden, das dir vertraut geworden ist. Vielleicht musst du Grenzen setzen, die dich Sympathie kosten. Vielleicht musst du aufhören, dich mit einer Geschichte zu identifizieren, die dich lange geschützt und gleichzeitig festgehalten hat. Verantwortung ist so unangenehm, gerade weil sie dich aus der Ohnmacht holt, an die du dich vielleicht längst gewöhnt hattest.


Erkenntnis 10:

Umsetzung ist kein technischer Folgeschritt nach der Erkenntnis, sondern die Stelle, an der das ganze alte System plötzlich mitredet.

Man unterschätzt leicht, wie radikal eine scheinbar kleine Handlung sein kann, wenn sie der bisherigen inneren Ordnung widerspricht. Ein Satz, den man diesmal wirklich ausspricht. Eine Grenze, die man nicht sofort wieder relativiert. Ein Rückzug aus einem Muster, das jahrelang die eigene Zugehörigkeit gesichert hat. Eine Entscheidung, die äußerlich unspektakulär aussieht, innerlich aber eine kleine Revolution darstellt. Genau dort zeigt sich, dass Veränderung eben kein lineares Abarbeiten von Einsicht ist. Sie ist ein körperlicher, sozialer, biografischer und oft auch identitärer Prozess, in dem vieles gleichzeitig ins Wanken gerät. Deshalb braucht Umsetzung mehr als guten Willen. Sie braucht Wiederholung, Nüchternheit und die Bereitschaft, sich nicht nach jedem inneren Stolpern sofort wieder für ungeeignet zu erklären.


Erkenntnis 11:

Rückfälle sind frustrierend, aber sie entwerten den Weg nicht; sie zeigen nur, dass das Alte noch schneller verfügbar ist als das Neue.

In vielen Köpfen ist Entwicklung eine sehr glorreiche Angelegenheit, bei der davon ausgegangen wird, echte Entwicklung müsse sich irgendwann daran erkennen lassen, dass man bestimmte Schleifen einfach nicht mehr dreht. Dann wäre man endgültig klar, stabil, integriert, irgendwie durch damit. Das ist ein hübscher Gedanke, nur hält ihn das Leben selten ein. Rückfälle bedeuten oft nicht, dass jemand gescheitert ist, sondern nur, dass eine früh gelernte Strategie im entscheidenden Moment schneller war als die neue. Wer das persönlich nimmt, macht aus einem Prozess sofort wieder eine Charakterfrage. Wer es nüchtern betrachtet, kann daraus lernen. Vielleicht braucht das Neue mehr Übung. Vielleicht braucht es mehr Körper, mehr Geduld, mehr Wiederholung, mehr Schutz, mehr Ehrlichkeit darüber, an welchen Stellen man immer noch besonders leicht kippt. Rückfälle sind frustrierend, klar, aber oft auch ausgesprochen informativ.

 

Erkenntnis 12:

Am Ende wächst kein makelloser Mensch, sondern einer, der sich weniger bereitwillig wieder in die alte Enge einsortieren lässt.

Die vielleicht unspektakulärste und zugleich wesentlichste Folge von Veränderung besteht darin, dass ein Mensch irgendwann weniger kompatibel wird mit dem, was ihn früher innerlich klein gehalten hat. Er merkt früher, wenn er beginnt, sich wieder zu verbiegen. Er spürt deutlicher, wann eine alte Rolle nach ihm greift. Er erkennt schneller, wann er sich aus Loyalität, Angst oder Gewohnheit zurück in ein zu enges Selbstbild schiebt. Das macht ihn nicht perfekt, nicht dauererleuchtet und auch nicht immun gegen alte Muster. Es macht ihn nur schwerer verfügbar für Selbstbeschiss. Und genau darin liegt oft mehr Reifung, als jeder glatt erzählte Transformationsmythos jemals hergibt.


Fazit

Vielleicht ist das die nüchternste Wahrheit über Veränderung, dass sie von innen oft viel weniger spektakulär aussieht, als Menschen es sich wünschen. Sie besteht nicht aus permanentem Wachstum, beständiger Klarheit und sauber sortierter Bewusstheit, sondern aus einer Reihe von Momenten, in denen man sich entweder wieder vor sich selbst wegrennt oder damit aufhört. Niemals endgültig, null perfekt und selten sexy, aber Schritt für Schritt konsequenter.


Darum passt dieser Titel so gut. Kotzen, bleiben, wachsen ist keine Parole für Durchhaltepathos und auch kein poetischer Selbstrettungsspruch. Es ist eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, wie ehrliche Veränderung oft tatsächlich verläuft. Etwas in dir sträubt sich, will raus, will fliehen. Und genau dann entscheidet sich, ob du dich wieder in das Bekannte zurückkatapultierst oder ob du einen Moment länger bei dir bleibst, bis aus dieser Zumutung langsam eine andere Form deiner Wahrnehmung entsteht.


Wahr wird Veränderung dort, wo du nicht länger versuchst, sie schön zu erleben, sondern bereit bist, sie ehrlich zu leben.

 

Text: Kotzen, bleiben, wachsen von Jeannette Kriesel


 

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Jeannette Kriesel

 

 
 
 

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