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Erbtheorie vs. Milieutheorie

  • Autorenbild: Jeannette Kriesel
    Jeannette Kriesel
  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Von Anlage, Umwelt und der Idee, dass da noch mehr ist

 

Hand gefüllt mit Wasser, die eine kleine Pflanze wässert.

Bildquelle: Pixaby


Irgendwann stolperst du vielleicht über diese Frage. Vielleicht im Studium, vielleicht im Alltag, vielleicht nachts um halb zwei, wenn dein Kopf beschließt, jetzt mal grundlegend zu werden.

Warum bist du eigentlich so, wie du bist? Liegt es an deinen Genen, die schon längst entschieden haben, ob du eher ruhig oder laut, mutig oder vorsichtig, strukturiert oder chaotisch durchs Leben gehst? Oder ist es das, was du erlebt hast, das, was man dir beigebracht hat, das Milieu, in dem du groß geworden bist, was dich geformt hat wie ein Stück Ton?


Dann schaust du auf zwei Lager, die sich seit Jahrzehnten ziemlich überzeugend widersprechen, und merkst, dass beide irgendwie recht haben und gleichzeitig beide zu kurz greifen.

 

Die einen sagen: Du bist dein Bauplan

Die Vertreter der Erbtheorie haben eine recht klare Haltung. Der Mensch ist im Kern das Ergebnis seiner genetischen Ausstattung. Du kommst auf die Welt und bringst schon ein ziemlich umfangreiches Set an Programmen mit. Temperament, bestimmte Neigungen, Grundreaktionen, all das ist nicht erst später entstanden, sondern war von Anfang an da. Wenn man es überspitzt formuliert, dann bist du eine ziemlich ausgeklügelte biologische Maschine, die nach einem Plan läuft, den sie sich nicht selbst ausgesucht hat. Das hat etwas Beruhigendes, stimmt´s? Du kannst nämlich gar nichts dafür, wie du bist. Hat aber auch einen kleinen Haken. Du kannst dann auch nichts wirklich ändern. Und genau da wird es für Pädagogik und Entwicklung ein bisschen unerfreulich.

 

Die anderen sagen: Du bist das Produkt deiner Umgebung

Auf der anderen Seite stehen die Milieutheoretiker. Für sie ist der Mensch bei der Geburt eher eine leere Leinwand, auf die das Leben malt. Erfahrungen, Erziehung, soziale Einflüsse, all das formt deine Persönlichkeit. Du bist also nicht festgelegt, sondern formbar. Das klingt erstmal deutlich hoffnungsvoller. Entwicklung scheint möglich, Veränderung auch. Gleichzeitig hat auch diese Sicht ihre Schwächen. Denn wenn alles von außen kommt, bleibt die Frage, warum Menschen in ähnlichen Umständen völlig unterschiedlich reagieren. Der eine bricht, der andere wächst, der nächste passt sich an und der vierte rebelliert. Offenbar reicht „Umwelt“ allein nicht aus, um das Ganze zu erklären.

 

Aber da ist noch mehr Erbtheorie Milieutheorie

Irgendwann tauchte eine dritte Perspektive auf. Die Idee, dass du nicht nur Produkt deiner Gene und deiner Umwelt bist, sondern auch aktiv an deiner eigenen Entwicklung beteiligt bist.

Selbststeuerung. Großartig. Also raus aus dem Opfermodus, rein in die Eigenverantwortung und den Gestaltungsspielplatz.

 

Du bist nicht nur geprägt, du wirkst zurück

Die spannende Frage ist nicht mehr nur, was dich geprägt hat, sondern was du daraus machst.

Du erlebst etwas, interpretierst es, speicherst es ab, handelst danach und beeinflusst damit wiederum deine Umwelt. Die reagiert auf dich und bestätigt oder verändert dein Erleben. Ein schönes kleines Wechselspiel. Oder, etwas weniger romantisch formuliert, ein ziemlich komplexes Pingpong zwischen innen und außen, bei dem selten ganz klar ist, wer gerade aufschlägt.

 

Dein Körper reagiert immer auch auf deine Gedanken

Besonders spannend wird es, wenn du tiefer schaust. Denn deine Erfahrungen bleiben nicht einfach nur „im Kopf“. Sie wirken in deinen Körper hinein. In deine Wahrnehmung, in deine Reaktionen, in deine gesamte Art, die Welt zu interpretieren. Und sie wirken auf deine Biologie.


Die Epigenetik beschäftigt sich mit genau diesem Zusammenhang und zeigt, dass Gene nicht einfach starr ihre Programme abspulen, sondern auf Einflüsse reagieren. Auf Umwelt, Erfahrungen und Zustände. Dein System ist also deutlich lebendiger, als es die alten Theorien gern hätten.

Jetzt könnte man in die Versuchung kommen zu sagen: Perfekt, dann denke ich einfach positiv, fühle mich gut und programmiere mir mein Leben neu. Leider lässt sich so ein System, das über Jahre geprägt wurde, nicht einfach fix umschreiben. Deine Reaktionen, Muster und Prägungen entstehen nicht aus dem Nichts. Die haben eine Story. Deshalb reicht es nicht ab sofort einfach „anders zu denken“.

 

Die Frage, ob Anlage oder Umwelt ist zu eng

Je länger du dich mit dem Thema beschäftigst, desto klarer wird etwas ziemlich Ernüchterndes. Die Frage „Anlage oder Umwelt“ ist zu klein. Sie versucht, etwas Komplexes auf eine einfache Ursache zurückzuführen. Das funktioniert bei Maschinen ganz gut, beim Menschen eher so mittel.

Du bist weder nur dein Bauplan noch nur dein Umfeld. Du bist ein Zusammenspiel aus beidem. Und aus dem, was du daraus machst. Und dieses „daraus machen“ ist weder komplett frei noch komplett festgelegt. Es ist beweglich.


Und ab hier wird es dann persönlich, denn an diesem Punkt kannst du dich nicht mehr drücken. Du kannst nicht mehr sagen, es liegt nur an deinen Eltern oder nur an deinen Genen. Du kannst aber auch nicht so tun, als könntest du einfach alles jederzeit neu entscheiden. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen.

 

Der eigentliche Punkt ist kein theoretischer

Am Ende geht es gar nicht darum, welche Theorie recht hat. Es geht darum, was du daraus machst. Ob du dich als festgelegt erlebst oder als beweglich, ob du deine Muster erkennst oder von ihnen gesteuert wirst und ob du dich ausschließlich erklärst oder beginnst, dich zu erleben. Du bist also weder ein Opfer deiner Gene noch ein reines Produkt deiner Umgebung und leider auch kein komplett freies Wesen, das jeden Morgen bei null anfangen kann. Du bist ein ziemlich komplexes Wesen mit Geschichte, Möglichkeiten und Grenzen.

 

Text: Erbtheorie vs Milieutheorie von Jeannette Kriesel



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Jeannette Kriesel

 

 
 
 

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