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Schulnoten töten Lernlust

  • Autorenbild: Jeannette Kriesel
    Jeannette Kriesel
  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Wie aus Neugier Vorsicht wird


Grundschulkinder auf dem Weg

Bildquelle: Pixaby


Stell dir vor, du hast Mittagspause und bist mit deinen Gedanken längst halb in der Kantine. Du hast Hunger, der Vormittag war voll, und während du noch überlegst, worauf du jetzt eigentlich Lust hast, kommt deine Teamleiterin auf dich zu, mustert dich kurz und sagt in sachlichem Ton: „Drei minus. Du warst unkonzentriert, hast dich zweimal unklar ausgedrückt und die Idee vorhin war auch noch nicht wirklich ausgereift.“


Nach der Pause arbeitest du leicht irritiert weiter, weil du zwar spürst, dass daran etwas schräg ist, dir aber gleichzeitig nicht ganz klar wird, was du jetzt mit dieser Bewertung eigentlich anfangen sollst. Kurz vor Feierabend geht es weiter. Für deine E-Mails bekommst du eine Zwei, weil du dort überraschend strukturiert warst. Für die Präsentation eine Vier, weil zu viele Unsicherheiten erkennbar waren. Für deine allgemeine Leistungsbereitschaft gibt es eine Drei, also solide, aber optimierbar. Am Ende der Woche wird alles zusammengetragen, dokumentiert und so abgelegt, dass die Führungsebene jederzeit darauf zugreifen kann.


Wie lange würdest du in so einem System arbeiten, ohne entweder innerlich dichtzumachen oder langsam die Freude an dem zu verlieren, was du ursprünglich einmal gern getan hast?

Bei Erwachsenen würden wir so ein Setting ziemlich schnell anmaßend, demotivierend und auf Dauer sogar entwürdigend nennen. Bei Kindern gilt es dagegen vielerorts noch immer als normal. Dann kommt zuverlässig der Einwand, Schule könne man mit der Arbeitswelt nicht vergleichen, als wäre damit schon alles gesagt. Vielleicht liegt das Problem gar nicht darin, dass man beides nicht vergleichen dürfe. Vielleicht liegt es eher darin, dass wir bei Kindern Dinge für selbstverständlich halten, die wir bei Erwachsenen nicht einmal ansatzweise akzeptieren würden.


Schulnoten an das unfertige Gehirn

Was in dieser Debatte erstaunlich gern untergeht, ist eine ziemlich banale Tatsache: Das heranwachsende Gehirn befindet sich noch im Aufbau. Der Bereich, der für Planung, Impulskontrolle, Weitsicht, Frustrationstoleranz und jenes berühmte „Reiß dich mal zusammen“ zuständig ist, entwickelt sich bis weit in die Zwanziger hinein. Wir bewerten also Fähigkeiten, von denen wir gleichzeitig wissen, dass sie biologisch noch gar nicht vollständig zur Verfügung stehen.


Es ist, als würdest du durch ein Haus laufen, das sich noch im Bau befindet. Überall liegen Kabel herum, manche Wände sind erst halb gezogen, im Hintergrund ruft jemand, dass die Rohre vielleicht nächste Woche kommen, und trotzdem gehst du mit dem Klemmbrett durch die Räume und bewertest das Ganze so, als müsste es längst bezugsfertig sein. Dann heißt es mit ernstem Blick: „Also überzeugend ist das noch nicht. Mehr als eine Vier kann ich dafür leider nicht geben.“ Und alle tun so, als wäre das eine vernünftige Art, mit Entwicklung umzugehen.


Das Absurde daran ist nicht nur die Härte, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie daherkommt. Man tut so, als wäre das normal, sachlich und notwendig. Als hätte man es hier mit einer neutralen Bestandsaufnahme zu tun und nicht mit einem System, das Unfertiges bewertet, als wäre Unfertigkeit bereits ein Mangel.


Was Kinder in Wirklichkeit lernen

Offiziell geht es in Schule um Wissensvermittlung, Bildungsauftrag, Kompetenzförderung und Entwicklung. In der Praxis lernen viele Kinder zuerst etwas anderes: Sie lernen, wie man Fehler möglichst elegant vermeidet. Sie lernen, wann Schweigen klüger ist als Ausprobieren und wie man möglichst unauffällig durch ein System kommt, das Bildung verspricht und an vielen Stellen doch vor allem Anpassung belohnt.


Sobald Bewertung im Raum steht, verändert sich die Aufmerksamkeit. Dann geht es immer weniger um die Frage, was ein Kind wirklich verstehen, ausprobieren oder herausfinden möchte, und immer stärker um die Frage, wie man sicher genug durchkommt, ohne negativ aufzufallen. Aus Neugier wird dann Vorsicht, aus Spielfreude Strategie und aus echtem Interesse ein Taktieren, das später gern mit Disziplin verwechselt wird.


Wie aus Neugier Vorsicht wird

Kinder starten nicht mit dem Wunsch, alles richtig zu machen. Sie starten mit dem Impuls, die Welt zu untersuchen. Sie wollen ausprobieren, bauen, umbauen, scheitern, lachen, noch mal anfangen und schauen, was passiert. Genau daraus entsteht Lernen in seiner lebendigsten Form. Nicht aus Absicherung und Bewertung, sondern viel mehr aus Kontakt und Beteiligung.


Sobald bei jedem Versuch jemand daneben steht, der ihn einordnet, bewertet und in eine Zahl übersetzt, verändert sich die innere Qualität des Tuns. Dann wird nicht mehr einfach mur gebaut, gedacht, ausprobiert und verworfen, sondern zunehmend mit Blick auf Rückmeldung gehandelt. Das Kind macht dann vielleicht noch mit, aber anders, nämlich sicherer, angepasster und viel weniger riskant.


Und das ist der eigentliche Verlust. Denn Sicherheit ist im Lernprozess selten der Nährboden für Originalität, sondern für Fehlervermeidung. Wer sich dauernd bewertet fühlt, lernt oft nicht zuerst, was möglich wäre, sondern was besser nicht schiefgehen sollte.


Wenn die Schule bis ins Wohnzimmer reicht

Besonders schwierig wird es dort, wo sich die Logik der Schule bis in die Familien hineinschiebt. Hausaufgaben, Üben, Nachbessern, Vorbereiten, Abfragen, Kontrollieren -all das wirkt auf den ersten Blick wie Unterstützung und ist es zum Teil natürlich auch. Gleichzeitig werden Eltern dadurch oft unbemerkt zu Mitverwaltern eines Systems, das ihre Kinder fortlaufend einordnet.


Man sichtet, erinnert, ordnet, korrigiert und hilft mit, dass die Bewertungsmaschine reibungslos weiterläuft. Und irgendwann lohnt sich die unbequeme Frage, woran man da eigentlich mitarbeitet. Geht es wirklich nur um Bildung? Oder längst auch um Schadensbegrenzung, um Beruhigung, um das Vermeiden von Reibung mit der Schule, um die stille Angst, das eigene Kind könne abrutschen und man selbst am Ende ebenfalls schlecht dastehen?


Schule ist dann nicht mehr bloß ein Ort des Lernens, sondern ein System, das seine Logik bis in den familiären Alltag hinein verlängert. Das Kind wird bewertet, und die Familie hilft dabei, diese Bewertung abzusichern.


Die Illusion der Objektivität von Schulnoten

Schulnoten wirken sauber. Zwei, drei, vier, das sieht ordentlich aus, klar, vergleichbar und irgendwie gerecht. Zahlen haben ja diese Aura, als wären sie automatisch näher an Wahrheit als alles, was man nur beschreiben müsste.


Dabei wird in Wahrheit alles Mögliche mitbewertet: Tagesform, Anpassungsfähigkeit, Unterstützung von zu Hause, Lehrerpersönlichkeit, Erwartungshaltung, sprachliche Sicherheit und, ob man es zugibt oder nicht, auch Sympathie.


Das eigentlich Erstaunliche ist nicht einmal, dass Noten ungenau sind. Das weiß im Grunde jeder. Erstaunlich ist eher, mit welcher Beharrlichkeit wir trotzdem so tun, als ließe sich Entwicklung objektiv in Ziffern abbilden. Als könne man aus einer Drei zuverlässig herauslesen, was ein Kind verstanden hat, wie es lernt, was in ihm steckt oder woran es gerade innerlich wächst. Die Zahl sieht neutral aus, aber der Weg zu ihr ist voller subjektiver Anteile. Nur verschwinden diese Anteile hinter der Fassade von Ordnung.


Was Bewertung mit Lernen macht

Sobald Bewertung dauerhaft im Raum steht, passiert etwas, das viele für einen Nebeneffekt halten, obwohl es in Wahrheit das ganze Klima verändert. Die Aufmerksamkeit wandert weg von der Sache selbst und hin zur Frage, was sicher genug ist, um gut durchzukommen. Damit schrumpft der innere Spielraum. Experimentierfreude wird kleiner, Mut wird vorsichtiger, Abenteuerlust verliert an Kraft und Neugier bekommt Konkurrenz durch Angst.


Man kann das dann Disziplin nennen. Man kann behaupten, das Leben sei nun einmal kein Wunschkonzert, und Kinder müssten eben früh lernen, mit Druck umzugehen. Die spannendere Frage lautet nur, welche Art von Menschen wir auf diese Weise hervorbringen. Menschen, die sich etwas zutrauen, die denken, gestalten, fragen und Verantwortung übernehmen? Oder Menschen, die ziemlich früh lernen, wie man sich in einem Bewertungssystem so bewegt, dass der Schaden begrenzt bleibt?


Denn zwischen Bildung und Dressur liegt ein Unterschied. Und vielleicht wäre es langsam Zeit, wieder genauer hinzusehen, wo Schule aufhört, Lernlust zu nähren, und anfängt, sie in ordentlich benotete Vorsicht umzubauen.


Wo Bewertung den Ton angibt, lernt ein Kind oft nicht zuerst, was es kann, sondern worin es besser kein Risiko eingeht.


Text: Schulnoten töten Lernlust von Jeannette Kriesel



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