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Tod? Nicht vor den Kindern

  • Autorenbild: Jeannette Kriesel
    Jeannette Kriesel
  • vor 7 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Der Tod hat Hausverbot

Es gibt Themen, die in Familien nicht ausdrücklich verboten sind und trotzdem kaum vorkommen. Der Tod gehört ziemlich zuverlässig dazu. Er wird nicht mit großem Pathos aus dem Alltag verbannt, er bekommt nur einfach keinen Platz darin. Man behandelt ihn, als gehöre er möglichst nicht ins gelebte Leben von Kindern. Kinder sollen leicht bleiben, unbeschwert, beschäftigt mit Dingen, die nicht wehtun. Dahinter steckt oft weniger Schutz als eine sehr erwachsene Form der Überforderung. Denn sobald es um Tod geht, geraten nicht zuerst Kinder an Grenzen, sondern die Erwachsenen, die plötzlich keine klare Sprache mehr haben, keine Kontrolle und keine Fassung, mit der sich das Ganze ordentlich verpacken ließe.


Dann kommen die Sätze, die sanft klingen und gerade deshalb so oft für gelungen gehalten werden. Jemand ist "eingeschlafen", "weggegangen" oder im Himmel. Das soll behutsam sein, ist aber vor allem sehr ungenau. Und Kinder sind in solchen Dingen selten so naiv, wie Erwachsene es gerne hätten. Sie merken ziemlich genau, wenn etwas nicht zusammenpasst. Sie spüren die Lücke zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was im Raum steht. Sie erleben, dass etwas Großes passiert ist, und gleichzeitig wird es in Worte gepackt, die klein, glatt und ausweichend wirken. Und sie lernen früh, dass es Themen gibt, bei denen man besser nicht zu genau nachfragt.


Kinder brauchen keine Ausweichmanöver

Dabei sind Kinder dem Thema oft näher, als viele wahrhaben wollen. Sie erleben Abschiede in kleinen Formen ständig. Dinge gehen kaputt, Tiere sterben, Pflanzen verwelken, Menschen fehlen plötzlich oder kommen nicht wieder. Kinder registrieren das alles, lange bevor sie es begrifflich einordnen können. Deshalb fragen sie. Weil sie versuchen, sich die Welt zusammenzusetzen.


Dort zeigt sich dann häufig, wie schlecht viele Erwachsene selbst auf dieses Thema vorbereitet sind. Wir können erklären, weshalb ein Flugzeug fliegt, warum der Mond nicht herunterfällt oder wie Strom aus der Steckdose kommt. Aber wenn ein Kind fragt, ob jemand jetzt für immer tot ist und was das eigentlich bedeutet, wird es plötzlich ruhig. Nicht, weil die Frage unpassend wäre, sondern weil sie etwas berührt, das viele selbst kaum halten können. Also sagen sie weniger, als wahr wäre, oder sie sagen Dinge, die weicher klingen, als sie sind.


Verpackte Hilflosigkeit

Besonders deutlich wird das in den Formulierungen, die als kindgerecht gelten. „Der Opa ist eingeschlafen“, sagt man dann, und übersieht, dass Schlafen damit auf einmal eine ganz andere Färbung bekommt, weil sich das Kind fragt, ob es eine gute Idee ist, heute Abend ins Bett zu gehen. Oder man sagt: „Mama ist jetzt an einem besseren Ort“, und merkt nicht, wie schräg das in Kinderohren klingen kann. Was soll das für ein besserer Ort sein, wenn dort jemand ist, den ich hier haben will? Warum soll mich das beruhigen? Und weshalb fühlt es sich dann trotzdem so falsch an?


Vieles, was in solchen Momenten sensibel oder pietätvoll anheimeln soll, ist nicht mehr als sprachlich ausgedrückte Hilflosigkeit. Wir formulieren den Tod so, dass er uns selbst weniger zusetzt, und denken, es diene dem Schutz unserer Kinder. Dabei geht etwas Entscheidendes verloren: Aus Klarheit wird Unschärfe und aus einer schmerzhaften Wahrheit etwas, das Kinder mit ihrer eigenen Fantasie auffüllen müssen.


Kinder zerbrechen nicht daran

Solange der Tod theoretisch bleibt, lässt er sich erstaunlich gut an den Rand schieben. Man muss sich nicht mit ihm beschäftigen, solange er nicht konkret im Raum steht. Das funktioniert oft über Jahre. Bis zu dem Moment, in dem er nicht mehr abstrakt ist. Ein Haustier oder ein Großelternteil stirbt. Oder vielleicht jemand, mit dem niemand gerechnet hat. Plötzlich steht etwas im Raum, das sich nicht mehr mit Gewohnheit, Ablenkung oder Normalität abfedern lässt.


Kinder fragen dann oft mit einer Direktheit, die Erwachsene fast mehr erschüttert als der Verlust selbst. Was ist passiert? Wo ist er jetzt? Kommt sie wieder? Kann das auch dir passieren? Und während diese Fragen im Raum stehen, zeigt sich sehr schnell, woran es wirklich fehlt, nämlich nicht an vermeintlich kindgerechten Antworten, sondern an Erwachsenen, die bereit sind, bei der Wahrheit zu bleiben.


Kinder zerbrechen nicht daran, dass man ehrlich mit ihnen spricht, sondern viel eher an dem Gefühl, dass etwas Bedeutendes passiert ist und niemand bereit ist, es klar zu benennen.


Der Tod im Alltag

Vielleicht lohnt sich der Blick über den eigenen kulturellen Reflex hinaus. In Mexiko wird am Tag der Toten erinnert und gefeiert, in Japan beim Obon-Fest, in Guatemala mit großen Drachen, auf den Philippinen mit Besuchen auf Friedhöfen mit Kerzen, Blumen, Essen und Zeit. Die Formen unterscheiden sich, die Haltung dahinter ist verwandt. Der Tod wird nicht weggeschoben, sondern eingebunden. Es wird erinnert, erzählt, geweint, gelacht, manchmal alles gleichzeitig. Die Verstorbenen verschwinden nicht einfach aus dem gelebten Zusammenhang, sondern bleiben Teil einer Geschichte, die weitergeht.


Das Entscheidende daran ist nicht die einzelne Tradition, eher die Selbstverständlichkeit. Der Tod erscheint dort nicht als beklemmender Ausnahmezustand, sondern als Teil des Lebens. Kinder wachsen damit auf. Sie müssen nicht plötzlich verstehen, was ihnen vorher niemand zugemutet hat. Sie lernen früher, dass Endlichkeit dazugehört, dass Trauer sichtbar sein darf und dass Erinnerung nichts ist, wofür man sich aus dem Alltag zurückziehen müsste.


Was Kinder wirklich verunsichert

Erwachsene überschätzen oft die zerstörerische Kraft der Tatsache und unterschätzen die Verwirrung, die durch Unklarheit entsteht. Kinder orientieren sich nicht nur an dem, was gesagt wird, sondern auch an dem, was sie spüren. Sie sehen Traurigkeit, auch wenn jemand behauptet, alles sei in Ordnung. Sie merken Anspannung, auch wenn alle bemüht normal weitermachen und sie erleben, dass etwas nicht stimmt, auch wenn niemand es benennt.


Was Kinder dann verunsichert, ist oft nicht zuerst der Verlust selbst, sondern die Bubble drumherum. Wenn niemand klar spricht, Gefühle nicht vorkommen dürfen und sie mit ihrer Wahrnehmung allein bleiben, dann lautet die innere Schlussfolgerung vielleicht, dass man darüber einfach nicht spricht, dass das gefährlich ist und man da allein durchmuss. Und leider etabliert sich dadurch mehr Isolation und weniger das Gefühl von Schutz.


Trauer darf sichtbar sein

Viele Erwachsene möchten Kinder vor ihren eigenen Gefühlen bewahren. Vor Tränen, Erschütterung oder dem Moment, in dem sie selbst nicht gefasst wirken. Dahinter steckt oft die Vorstellung, stark sein zu müssen, um Halt zu geben. Dabei bleibt die kindliche Erfahrung, was es heißt mit diesen sichtbaren Gefühlen umzugehen, ohne daran zugrunde zu gehen, auf der Strecke.


Wenn ein Kind sieht, dass ein Erwachsener weint und trotzdem dableibt, nicht verschwindet, nicht innerlich abreißt, sondern den Schmerz trägt, entsteht Orientierung. Dann wird Trauer nicht zu etwas Bedrohlichem, das möglichst unsichtbar bleiben muss, sondern zu etwas, das weh tut und trotzdem gehalten werden kann.


No Go: Kinder auf Beerdigungen Tod

Sehr deutlich wird das im Umgang mit Beerdigungen. Kinder werden erstaunlich oft ausgeschlossen, mit der Begründung, das sei zu traurig, zu schwer oder einfach noch nichts für sie. Natürlich kann eine Beerdigung intensiv sein. Aber Intensität ist nicht automatisch Überforderung. Häufig erzählt dieser Ausschluss weniger über Kinder als über Erwachsene selbst. Über ihre Angst vor sichtbarer Trauer, vor unbequemen Fragen und vor Situationen, die sich nicht kontrollieren lassen.


Dabei können Beerdigungen so bedeutsam sein. Sie geben Kindern etwas greifbares, wo sonst nur Unklarheit wäre. Sie zeigen, dass ein Mensch wichtig war, dass er fehlt und dass Liebe und Verlust zusammengehören. Und dass Erinnerung einen Ort haben darf. Wer Kinder davon fernhält, nimmt ihnen den Rahmen, Schmerz überhaupt verstehbar zu machen.


Der eigentliche Verlust beginnt vorher

Vielleicht beginnt der eigentliche Verlust gar nicht erst mit dem Tod eines Menschen, sondern schon dort, wo wir den Tod konsequent aus dem Leben verbannen. Wo wir so tun, als gehöre er nicht dazu, obwohl er unausweichlich ist. Kinder wachsen dann in einer Welt auf, die vollständig wirkt, bis sie plötzlich Risse bekommt. Und wenn diese Risse kommen, fehlt ihnen oft nicht nur ein Mensch, dann fehlt auch die Sprache für das, was gerade passiert.


Es wäre ehrlicher, Kindern von Anfang an etwas anderes zuzumuten. Nämlich dass Dinge enden. Dass Abschiede weh tun, dass Erinnerungen bleiben und dass Trauer nichts ist, was möglichst schnell beseitigt werden muss, sondern durchlebt werden will. Dass Erwachsene nicht alles erklären können und trotzdem dableiben können, während gleichzeitig Fragen offen bleiben dürfen, ohne dass deshalb alles unsicher wird.


Denn wer Kinder vom Tod fernhält, schützt sie nicht vor Schmerz. Er nimmt ihnen vor allem die Möglichkeit, ihn einzuordnen.


Text: Tod? Nicht vor den Kindern von Jeannette Kriesel



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