Erziehung im Wandel
- Jeannette Kriesel

- 5. Mai 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Juni
Warum früher nicht alles besser war und heute auch nicht alles gut ist

„Unsere Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Menschen, die echte Verbindung zulassen. Eltern die bereit sind, ihre alten Wunden anzusehen und die eigene Geschichte zu hinterfragen“ Jeannette Kriesel
Früher war alles besser? Oder war früher einfach alles anders?
Die Art, wie wir Kinder begleiten, formen, unterstützen und manchmal auch brechen, ist kein statisches Konzept. Sie ist ein Spiegel der Zeit, der Kultur, der gesellschaftlichen Narrative und unserer eigenen Geschichten. Und genau deshalb lohnt es sich, einen Blick zurückzuwerfen. Wie wurde früher erzogen, wie heute und was hat diesen Wandel geprägt?
Gehorsam, Pflicht und kleine Erwachsene
Wenn wir auf die Erziehung früherer Generationen blicken, dann sehen wir eines sofort: Kinder waren keine eigenständigen Persönlichkeiten. Erziehung basierte eher auf Kontrolle, Gehorsam und Anpassung. Das Bild vom Kind: unfertig, widerspenstig und zu disziplinieren. Erziehung war etwas, das mit dem Kind gemacht wurde, nicht für das Kind. Gehorsam war Tugend, Eigenwille war Störfaktor.
Die Kinder mussten funktionieren. Eltern irgendwie auch. Diese Vorstellung hat tiefe Spuren hinterlassen. Viele von uns tragen noch immer die Stimmen der eigenen Kindheit in sich: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, „Kinder haben zu schweigen, wenn Erwachsene sprechen“, "Ein Indianer kennt keinen Schmerz." Es war eine Zeit, in der Machtstrukturen nicht hinterfragt, sondern verteidigt wurden.
Und es war eine Zeit, in der emotionale Nähe oft unter dem Deckmantel der Strenge und verkorkster Tugenden erstickt wurde. Kritische Fragen waren frech, Gefühle zeigen war Schwäche und Disziplin galt als höchstes Gut.
In einer rauen, von Existenzsicherung geprägten Welt hatte dieses Modell Überlebensvorteile. Kinder sollten tun, was von ihnen verlangt wurde. Glückliche Kinder? Emotionale Bedürfnisse? Ein Luxus, den sich kaum jemand leisten konnte.
Neue Menschenbilder, neue Widersprüche
In den letzten Jahrzehnten hat sich ein radikaler Perspektivwechsel vollzogen. Das Kind ist nicht mehr Objekt der Erziehung, sondern Subjekt seines eigenen Lernens. "Erziehung" war im Wandel.
Ab den 1960er Jahren kam Bewegung in die starre Welt der Erziehung. Autoritäten wurden hinterfragt, Gefühle wurden wieder akzeptabler. Kinder galten nicht länger als kleine Miniversionen Erwachsener, sondern als eigenständige Individuen.
Impulse kamen von reformpädagogischen Bewegungen, humanistischen Psychologie und Familientherapeuten, Gehirnforschern und Erziehungswissenschaftlern wie John Bowlby, Jesper Juul, Gerald Hüther, Jan-Uwe Rogge, Vera F. Birkenbihl und vielen mehr.
In der Folge entstanden viele Impulse:
Kinder sollten nun verstanden werden, nicht nur geführt.
Erziehung wurde mehr zur Beziehung.
Psychologie, Neurowissenschaft und Bindungsforschung schoben kräftig an.
Das Bild vom Kind änderte sich von „formbarem Objekt“ zu „eigenem Subjekt“. So weit, so gut. Aber wie das so ist, wenn ein Pendel schwingt, es schlägt selten genau in der Mitte ein.
Beziehung oder Beliebigkeit?
Während Hüther und Juul das Kind als kompetenten Mitgestalter in den Mittelpunkt rückten „Kinder brauchen keine Dressur, sie brauchen echte Verbindung“, warnte Michael Winterhoff: „Achtung, wir produzieren bindungsunfähige kleine Narzissten!“
Sein Argument: Wenn Eltern sich ausschließlich als Partner ihrer Kinder sehen, ohne klare Führung, verlieren Kinder Halt und Orientierung. Zwischen den Polen „Freiheit um jeden Preis“ und „Alte Schule“ zerrieben sich viele Eltern. Und ihre Kinder gleich mit. Überforderung, Schuldgefühle und Selbstzweifel auf beiden Seiten.
Betrachten wir eine Ebene, die bislang jenseits der klassischen Erziehungsdebatten lag, aber durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus Psychologie, Neurobiologie und wachsendem Bewusstsein zunehmend in den Fokus rückt.
Der kulturelle Tunnelblick: westlich, wohlmeinend, aber weltfremd
Die gesamte psychologische Forschung zur Entwicklung von Kindern war auf Menschen mit europäischem Hintergrund ausgerichtet, obwohl diese nur einen Bruchteil der Weltbevölkerung ausmachen. Was wir für "normal" halten, ist kulturell hochspezialisiert und historisch ziemlich jung.
Viele heute etablierte Erziehungsmethoden gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten. Die westliche Kernfamilie, Mutter, Vater, Kind unter einem Dach, ist keine universelle Konstante, sondern eine Ausnahme. In der Menschheitsgeschichte war Erziehung eine Angelegenheit des Clans, des Dorfes, also der Gemeinschaft.
Heute aber liegt die Verantwortung für die Entwicklung eines Kindes fast ausschließlich bei zwei Menschen, nämlich bei Vater und Mutter -vor allem bei der Mutter. Mütter sollen liebevoll, gebildet, konsequent, achtsam, intuitiv, informiert, präsent, geduldig, strukturiert und dabei natürlich total entspannt sein. Das Ergebnis ist nicht selten von emotionaler Erschöpfung und chronischen Schuldgefühlen geprägt. Eltern, verlieren sich selbst, während sie versuchen, "es richtig zu machen". Dabei ist Erziehung gar nicht als Solo-Aufgabe gedacht.
Hinzu kommt, dass die moderne Erziehung viel zu verkopft geworden ist. Kinder brauchen weniger Intervention und mehr natürlichen Raum zur Entwicklung.
Statt Frühförderwahn und Überbetreuung, lieber:
Bindung statt Belehrung
Erleben statt Einreden
Vertrauen statt Funktionieren
Fehlerfreundlichkeit statt Perfektion
Kinder müssen nicht „optimiert“ werden. Sie sind von Natur aus mit einem Antriebswillen ausgestattet, wie wir ihn als Erwachsene manchmal gerne hätten. Man denke nur an den inhärenten Willen, das Laufen zu erlernen. Scheitern sie bei ihren ersten Gehversuchen, kommen sie nicht auf die Idee, sich selbst auszubremsen und sich zu denken: „Das lass ich mal lieber. Nicht so mein Ding.“ Sie sind selbstentwicklungsfähig, wenn man sie lässt, indem man nicht ständig eingreift, korrigiert oder reguliert.
Eine grundsätzlich positive Entwicklung, aber...
Heute dürfen Kinder weinen, wütend sein, fragen und sich ausprobieren. Heute gibt es mehr Wissen über Bindung, Beziehung, Trauma, Gehirnentwicklung. Heute haben Kinder Rechte, nicht nur Pflichten.
Aber: Heute sind viele Eltern verunsicherter denn je. Heute werden Kinder zu Projektionsflächen. Karriere, Selbstverwirklichung, Heilung alter Wunden. Heute droht Erziehung oft zu kippen in Beliebigkeit, Orientierungslosigkeit oder stille Überforderung. Freiheit ohne Reife bringt Unsicherheit, nicht Stärke.
Eltern befinden sich in einer unbewussten Optimierungsfalle und im ständigen Modus der Selbstüberforderung. Sie glauben, dass sie das Kind durch kluge Frühförderung, Sprachtraining, Motorik-Gruppen und Sozialkompetenz-Coaching zu einem besseren Menschen formen können und müssen. Doch häufig tritt das Gegenteil ein. Kinder werden nicht kompetenter, sondern überreizter, während Mütter gleichzeitig erschöpfter, statt gelassener werden. Kind „perfekt“, Mama am Ende.
Was Eltern heute eher brauchen
Es braucht nicht mehr Methoden, mehr Wissen oder mehr Interventionen, sondern mehr
Mut zur Selbstreflexion
Klarheit über eigene bewusste und vor allem unbewusste Prägungen
Verständnis für die eigentliche Aufgabe von Elternschaft: Echte Beziehung, nicht Perfektion.
Mütter (und Väter) müssen nicht lernen, bessere Animateure oder Chef-Diplomaten zu werden. Sie dürfen lernen, wieder in den eigenen Kontakt mit sich selbst zu kommen, sich selbst wieder zu fühlen und sich zu erlauben, echt zu sein auch in ihrer Unvollkommenheit. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern echte, integre Menschen.
Dabei ist unsere Art zu erziehen tief im Unterbewusstsein verankert, geprägt durch die eigene Kindheit. Ganz egal, ob wir heute sagen „Das war gut“ oder „So will ich es nie machen“. Vieles davon steckt trotzdem in uns. Oft übernehmen wir mehr von unseren Eltern, als uns bewusst ist. Hinter der Unsicherheit vieler Eltern steckt oft mehr als fehlende Anleitung. Es ist das Echo früherer Generationen. Denn Erziehung geschieht nie im luftleeren Raum. Sie ist geprägt durch Muster, die tief in familiären Erzählungen, Rollenbildern und unausgesprochenen Erfahrungen verankert sind.
Was wir perspektivisch mit diesen Erkenntnissen machen, bleibt abzuwarten. Aber es zeichnet sich hier und da ab, dass langsam ein Umdenken stattfindet.
Text von Jeannette Kriesel
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Danke. Wirklich.
Jeannette Kriesel



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