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Diagnose: Ausnahmezustand

  • Autorenbild: Jeannette Kriesel
    Jeannette Kriesel
  • 30. Sept. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Nov. 2025

Wenn dein Kind Typ-1 Diabetes bekommt und du alles neu zusammensetzen musst


Kleines Mädchen spritzt sich Insulin

Ich wollte eigentlich nur eine Salbe für den Windelausschlag. Bekommen habe ich: Typ-1 Diabetes, Klinik, Pflegegrad und einen Crashkurs in Existenzneubau. Jeannette Kriesel

Es war einer dieser Tage, die harmlos starten und sich dann rückblickend anfühlen wie ein Urknall. Unsere Tochter Hermine war knapp zwei Jahre alt, als sie plötzlich anders wurde: Dauermüde. Anhänglich. Reizbar. Trank literweise Wasser, verlor Gewicht, weinte viel. In der Kita hieß es: "Sie ist irgendwie nicht wie sonst." Ich schob es auf Zähne. Wachstum. Einen Infekt. Beim zweiten Kind ist man ja in der Regel entspannter. Dachte ich.


Bis ich an einem Sonntagabend Teststreifen aus der Notapotheke holte, weil mein Mann zaghaft einen leisen Verdacht laut aussprach. Ausschlag im Windelbereich, nasse Nächte, dieser irre Durst. Plötzlich ergab alles Sinn. Vier von fünf Testfeldern schlugen volle Kanne an. Noch am selben Abend fuhren wir in die nächste Klinik und landeten sofort in der Notaufnahme. Kein Warten, keine große Aufnahmeprozedur, sondern gleich ins Behandlungszimmer. Diagnose: Typ-1-Diabetes. Blutzucker 55 mmol/l. Damals hatte ich keine Ahnung, wie kritisch das war. Heute weiß ich: War knapp! 


Funktionieren im Ausnahmezustand Diagnose

Zwei Wochen Klinik. Zwei Wochen Ausnahmezustand. Zwei Wochen lernen. Katheter setzen, Insulin spritzen, Kohlenhydrate berechnen, Unterzuckerung abfangen, Überzuckerungen regulieren, Blutzuckerverläufe auswerten und interpretieren. Während mein Kopf Zahlen jonglierte, machte mein Körper schlapp. Bindehautentzündung, Bronchitis, Schlafmangel, Kreislaufkollaps. Ich funktionierte trotzdem einfach weiter. War ja auch ziemlich alternativlos. Mein Mann unterstützte nach Feierabend, wo er konnte.


Kitaplatz verloren, Job gekündigt, Leben neu gebaut. Nach 10 Tagen Klinik dachte ich „ok, wird langsam“. Falsch gedacht. Unsere Kita kündigte uns, weil „zu viel Verantwortung“. Ich schmiss meinen Job, damit ich zuhause bleiben und unsere Maus versorgen konnte. Ich telefonierte mich 3 Monate lang durch gefühlt alle Berliner Kitas. Absage. Absage. Absage. Ich hätte heule können. Bis eine sagte: "Wir trauen uns das zu." Diagnose: Ausnahmezustand


Der Alltag? Ein logistischer Krisenstab. Ich hielt Hermine fest zum Insulin-Spritzen. Ich tröstete sie, wenn sie mich dafür hasste. Ich schlief kaum. Ich rechnete ständig. Ich war Mutter, Nachtwache, Trösterin, Ernährungsberaterin, Medizinerin auf Schnellkurs. Und immer mit der Angst im Nacken, ihr Vertrauen zu verspielen, weil ich sie ständig verletzen musste, um sie am Leben zu halten. Die große Schwester? Kam zu kurz. Unsere Ehe? Bestand aus kurzen Übergaben. Unser Energielevel? Kurz vor einer Kernschmelze!


Und gleichzeitig Bürokratie-Kram regeln. Pflegegrad? Sechs Monate Kampf. Behindertenausweis? Vier Monate. Formulare, Atteste, Widersprüche. Ich war nicht mehr nur Mama, ich war meine eigene Sachbearbeiterin und Rechtsbeistand meiner Tochter. Alles gleichzeitig. Ohne Pause. Ohne Anleitung oder Beifall. Dabei war es nicht der Diabetes selbst, der mich gekillt hat. Es war das Drumherum.


Neustart in den Alltag

Ich fand ich eine Kita, die sich zutraute, das Diabetes-Management zu übernehmen und sich mehrere Wochen von mir anleiten ließ. Daraus entstand mein nächster Schritt. Ich ließ mich zur Pädagogin ausbilden, fing einige Jahre später bei einem Pflegedienst an, der Kinder mit Diabetes in Kitas und Schulen begleitet. Nicht, weil ich das alles wollte. Sondern weil ich gemerkt habe, dass ich das kann. Ich weiß, wie es sich anfühlt. Ich wollte helfen.


Und heute so?

Hermine ist inzwischen elf. Sie managed ihren Diabetes weitgehend selbst. Das war ein knackiger Weg mit Rückschlägen. Aber auch mit unfassbarem Wachstum. Bei ihr, bei mir, bei uns allen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich. Ich glaube nicht mehr an „Schicksal“. Ich glaube an Prozesse. Und daran, dass Wachsen oft aussieht wie Zerbrechen.


Ein Kind mit chronischer Erkrankung zu begleiten, heißt nicht nur medizinisch auf Zack zu sein. Es heißt, kaum noch eine Nacht durchzuschlafen -auch nach fast 10 Jahren nicht. Immer abrufbereit zu sein. In drei Gedanken gleichzeitig zu denken. Zu rechnen, zu organisieren, zu kommunizieren, zu improvisieren und sich bei all dem nicht selbst zu verlieren.


Ich bin heute ruhiger. Weniger panisch, aber nicht weniger wachsam. Ich weiß, wie viele Mütter da draußen ähnliches schultern. Still, unsichtbar, scheinbar selbstverständlich.


Ich wollte einfach nur Mama sein. Inzwischen bin ich Pflegedienst, Diätassistentin, IT-Support und Notfallpsychologin. Aber hey: läuft.


Und ja, das hier ist eine kleine Heldinnengeschichte. Das ist nämlich genau das, was eine Heldin ausmacht: Dass sie zweifelt und aufgeben will und trotzdem ihren Kurs nicht aus den Augen verliert.

Klar hat’s mich aus den Latschen gehauen. Ich hab eine Weile gebraucht, um das zu erkennen. Aber im Opfermodus verharren bringt null. Auch beschissene Ereignisse schicken uns manchmal auf eine Reise. Klingt kitschig, aber ist ja nun mal so.


Man sieht es nur nicht sofort. Manchmal haut einem das Leben mächtig auf die Fresse und erst viel später erkennt man: Vielleicht war das, was passiert ist, ein verdammter Türöffner.


Artikel: Diagnose: Ausnahmezustand



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Jeannette Kriese


 
 
 

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