Gut gemeint. Voll daneben. Warum wir ständig an den Gefühlen unserer Kinder herumschrauben


Warum wir ständig an den Gefühlen unserer Kinder herumschraubenWarum wir ständig an den Gefühlen unserer Kinder herumschrauben
Ich habe gerade, im Zuge meiner Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe, an einer zweitägigen Weiterbildung teilgenommen. „Wie Emotionen gespürt, gefühlt und gelernt werden“ Eigentlich ging es bei diesem Thema um den Umgang in einem professionellen Rahmen, aber wie das mit interessanten Themen so ist, bleibt es selten beim beruflichen Kontext. Spätestens wenn man checkt, dass man selbst gelegentlich Dinge tut, die man gerade fachlich ziemlich überzeugend hinterfragt, wird es persönlich.
Und so saß ich da, hörte zu, dachte über meine Arbeit nach und landete gedanklich immer wieder bei meinen eigenen beiden Mädels. Denn einiges von dem, worüber wir gesprochen haben, kenne ich nicht nur aus meinem Berufsalltag, sondern aus dem eigenen Wohnzimmer. Inklusive der Erkenntnis, dass gute Absichten noch lange kein Garant für gute Reaktionen sind.
Kinder haben Gefühle. Eine wirklich sensationelle Neuigkeit, ich weiß. Sie sind traurig, wütend, enttäuscht, frustriert, ängstlich oder beleidigt. Manchmal alles gleichzeitig, manchmal wegen Dingen, die uns Erwachsenen völlig schleierhaft sind, und manchmal aus Gründen, bei denen wir uns ernsthaft fragen, ob man deswegen jetzt wirklich so ein Theater veranstalten muss. Offenbar muss man, zumindest in jenen Momenten. Wir Erwachsenen haben erstaunlich konkrete Vorstellungen davon, welche Gefühle in welcher Situation angemessen sind, wie intensiv sie ausfallen dürfen und wann gefälligst wieder Normalbetrieb einzukehren hat. Und weil Kinder diese Vorstellungen bedauerlicherweise nicht immer teilen, helfen wir ihnen gerne mit ein paar wohlplatzierten Hinweisen auf die Sprünge:
„Ist doch nicht so schlimm.“ „Du brauchst doch keine Angst zu haben.“ „Jetzt beruhig dich erst mal.“ „Deswegen musst du doch nicht gleich weinen.“
Möge den ersten Stein werfen, wer das noch nie zu seinem oder irgendeinem anderen Kind gesagt hat! Ich jedenfalls kann mich davon nicht freisprechen.
Und wir glauben tatsächlich, wir würden Kinder damit beruhigen. Dabei erklären wir ihnen nur, dass ihre Wahrnehmung gerade nicht stimmt, dass ihre Angst unnötig, ihre Traurigkeit übertrieben oder ihre Enttäuschung unangemessen ist. Da steht also ein junger Mensch vor uns, der gerade ziemlich deutlich zeigt, wie es ihm geht, und wir halten Vorträge darüber, warum er sich eigentlich anders fühlen sollte.
Gefühle sind ja nun keine Meinungen, die man mit überzeugenden Argumenten widerlegen könnte. Ein Kind kann Angst haben, auch wenn wir die Situation völlig ungefährlich finden oder enttäuscht sein, obwohl wir seine Erwartungen für maßlos überzogen. Und vor allem dürfen Kinder stinksauer sein, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht. Wir müssen diese Gefühle weder teilen noch logisch nachvollziehen können. Es reicht zunächst vollkommen aus, anzuerkennen, dass sie existieren.
Und vollkommen gleichgültig, welche Gefühle kommen und wie stark diese sein mögen: Wir müssen nicht ständig irgendetwas damit machen! Das ist allerdings der Teil, der uns irre schwerfällt.
Denn kaum meldet sich beim Nachwuchs ein unangenehmes Gefühl, springt bei uns das pädagogische Nothilfeprogramm an. Für eine schnellstmögliche emotionale Schadensbegrenzung, trösten, erklären, relativieren wir. Wir lenken ab, wechseln die Perspektive und bieten haufenweise Lösungen an. Hauptsache, die Stimmung bessert sich rasch. Ich kenne dieses Programm ziemlich gut. Nicht nur aus dem Arbeitskontext, sondern auch aus meiner eigenen Rolle als Mutter.
Meine beiden Mädels kommen schließlich ebenfalls gelegentlich um die Ecke und knallen mir ihre Emotionen vor die Füße. Mal gibt es Ärger mit irgendwem, mal läuft etwas nicht wie gewünscht und manchmal ist einfach alles scheiße. Und ich? Ich war lange Zeit ausgesprochen ambitioniert darin, die Angelegenheit möglichst konstruktiv zu bearbeiten. Ich konnte trösten, relativieren, Lösungen anbieten, andere Blickwinkel aufzeigen und selbstverständlich noch erklären, warum man die ganze Geschichte vielleicht auch etwas weniger dramatisch betrachten könnte. Das komplette mütterliche Beratungsprogramm, selbstverständlich kostenlos, kompetent und vor allem ungefragt.
Besonders meine Große entwickelte dagegen irgendwann eine ziemlich deutliche Abneigung. Während ich also engagiert dabei war, ihr eine alternative Sichtweise anzubieten, schaute sie mich irgendwann nur noch an, sagte nichts mehr und verließ den Raum. Gespräch beendet. Dabei hatte ich durchaus das Gefühl, dass sie eigentlich noch einiges loswerden wollte. Irgendwann haben wir mal darüber gesprochen und sie erklärte mir sinngemäß: „Mama, ich wollte überhaupt keine Lösung von dir. Ich wollte auch gar nicht, dass du irgendwas dazu sagst. Wenn ich deine Meinung wissen will, frage ich dich schon. Ich wollte einfach nur abladen.“
Ach so. Da hatte ich also jahrelang geglaubt, besonders hilfreich zu sein, während meine Tochter offenbar hauptsächlich damit beschäftigt war, meine ungefragten Hilfsangebote zu überstehen.
Als meine Kleine mir irgendwann eine ganz ähnliche Rückmeldung gab, war die Sache glasklar. Meine Kinder wollten nicht bei jedem Ärgernis eine ausführliche Lagebesprechung mit anschließender Handlungsempfehlung, sondern einfach nur erzählen, wie beschissen ihr Tag gewesen war. Und während ich fleißig versuchte, ihre Probleme zu lösen, nahm ich ihnen genau das, was sie eigentlich gesucht hatten: jemanden, der ihnen einfach mal zuhört.
Diese Erfahrung ist mir während der Fortbildung noch einmal besonders bewusst geworden. Denn genau darum ging es unter anderem: Gefühle wahrnehmen, ernst nehmen und aushalten können, ohne sofort den dringenden Wunsch zu verspüren, ihren Zustand zu verändern.
Denn nicht jedes Gefühl ist ein Problem, das auf unsere Lösung wartet.
Warum fällt uns das eigentlich so schwer? Warum können wir nicht einfach daneben sitzen, während unser Kind traurig ist? Warum müssen wir seine Wut möglichst schnell herunterregeln, seine Enttäuschung relativieren oder seine Angst mit vernünftigen Argumenten wegdiskutieren?
Natürlich möchten wir unseren Kindern Leid ersparen. Natürlich tut es uns weh, wenn sie traurig sind. Aber manchmal sind wir auch schlicht genervt, überfordert oder ungeduldig. Und wenn wir bereits einen anstrengenden Tag hatten, ist die dritte emotionale Auseinandersetzung vor dem Abendessen nun wirklich nicht das, worauf wir uns den ganzen Nachmittag gefreut haben. So weit, so menschlich.
Richtig spannend wird es allerdings, wenn Kinder ihre Gefühle ausgerechnet dort ausleben, wo wir Erwachsenen am liebsten unsichtbar wären. Im Supermarkt beispielsweise, wenn der Nachwuchs lautstark verkündet, dass sein Leben ohne genau diese Süßigkeit keinen Sinn mehr ergibt, während sich hinter uns bereits eine kleine Zuschauergemeinschaft bildet. Da geht es plötzlich nicht mehr nur um die Wut unseres Kindes, sondern um unsere eigne Verlegenheit, unsere Unsicherheit und die unangenehme Vorstellung, dass die umstehenden Menschen uns gerade für vollkommen erziehungsunfähig halten könnten. Und ehe wir uns versehen, beschäftigen wir uns weniger mit dem Gefühl unseres Kindes als mit der Frage, wie wir diese peinliche Veranstaltung möglichst schnell beenden können.
Das Kind soll sich beruhigen, damit wir uns nicht länger unwohl fühlen müssen.
Und genau damit verlagern wir das Ganze. Denn natürlich dürfen auch wir Erwachsenen uns schämen, genervt oder hilflos fühlen. Unsere Gefühle sind schließlich genauso real wie die unserer Kinder. Nur können wir schlecht erwarten, dass unser Kind seine Gefühle abstellt, damit wir unsere nicht aushalten müssen. Und vielleicht wäre es in solchen Momenten ganz hilfreich, sich zu fragen, wem unser pädagogischer Aktionismus gerade eigentlich dienen soll.
Dem Kind? Oder uns?
Gefühle haben eine Eigenschaft, die wir in unserem Bemühen um schnelle Lösungen gerne übersehen: Sie verändern sich. Wut steigt an und flacht wieder ab. Trauer kommt in Wellen. Enttäuschung kann eine Weile anhalten, verliert aber meist irgendwann an Intensität. Natürlich gibt es auch Gefühle, die uns länger beschäftigen oder immer wiederkehren. Aber nicht jede unangenehme Emotion verlangt nach einer sofortigen Intervention.
Manchmal darf ein Kind einfach eine Weile traurig sein, sauer oder enttäuscht. Und manchmal ist es völlig ausreichend, wenn wir da sind und es diese Gefühle erleben lassen, ohne erklären zu müssen, dass bestimmt bald wieder alles gut wird. Das heißt selbstverständlich nicht, dass wir Kinder mit ihren Gefühlen allein lassen sollen. Aber zwischen liebevoller Begleitung und ungebetener emotionaler Dauerbetreuung gibt es durchaus einen Unterschied.
Und noch etwas sollten wir uns gelegentlich verkneifen: unseren Hang zur psychologischen Ferndiagnose. Nur weil ein Kind wütend aussieht, wissen wir noch lange nicht, was tatsächlich in ihm vorgeht. Vielleicht ist es verletzt. Vielleicht beschämt. Vielleicht steckt hinter seiner Wut eine Enttäuschung oder hinter seinem Rückzug die Angst, erneut zurückgewiesen zu werden. Vielleicht hat es aber auch einfach nur einen richtig beschissenen Tag. Nicht jedes Verhalten braucht eine tiefenpsychologische Entschlüsselung, und schon gar nicht brauchen Kinder Erwachsene, die ihnen mit beeindruckender Selbstsicherheit erklären, was sie „eigentlich“ fühlen.
Wie wäre es, wenn wir einfach mal nachfragen? Und dann tatsächlich zuhören, statt innerlich bereits die passende Antwort zu formulieren? Super schwierig, ich weiß. Besonders für Menschen, die beruflich oder privat gerne alles im Griff haben.
Womit wir bei einer weiteren beliebten Baustelle wären: dem Unterschied zwischen Gefühlen und Verhalten. Denn selbstverständlich darf ein Kind wütend sein. Es darf unsere Entscheidung ungerecht finden, uns gerade ziemlich scheiße finden und sich darüber aufregen, dass wir schon wieder etwas verboten haben. Es darf enttäuscht sein und uns das auch mitteilen. Es darf allerdings nicht deshalb andere schlagen, beleidigen oder Gegenstände durch die Gegend werfen.
Gefühle sind erlaubt. Aber nicht jedes Verhalten ist okay.
Eigentlich eine ziemlich einfache Unterscheidung, die uns im Alltag trotzdem regelmäßig durcheinandergerät. Entweder versuchen wir, das Gefühl gleich mitzuverbieten, oder wir sind derart bemüht, dem Kind emotional gerecht zu werden, dass wir plötzlich Schwierigkeiten bekommen, überhaupt noch eine Grenze zu setzen. Dabei hat das eine mit dem anderen gar nichts zu tun.
Ich kann verstehen, dass mein Kind vor Wut kocht, und trotzdem verhindern, dass es jemandem etwas an den Kopf wirft. Ich kann seine Enttäuschung anerkennen, ohne meine Entscheidung zurückzunehmen. Und ich kann akzeptieren, dass es mich gerade richtig blöd findet, ohne daraus eine persönliche Tragödie zu machen. Es muss also gar nicht mit mir einverstanden sein, um sich von mir verstanden fühlen zu können.
Was wir uns vielleicht öfter mal vor Augen führen sollten, ist, dass wir nicht nur diejenigen sind, die Kindern den Umgang mit Gefühlen beibringen. Wir sind selbst mittendrin, mit all unseren Empfindlichkeiten, Erwartungen, Erfahrungen und gelegentlich ziemlich fragwürdigen Reaktionen. Das eine Kind bringt uns mit seinem Trotz innerhalb von drei Sekunden auf die Palme, während wir bei einem anderen dieselbe Verhaltensweise mühelos wegstecken. Ein weinendes Kind macht uns hilflos, ein wütendes hilflos und ein schweigendes nervös und fahrig. Und dann versuchen wir, das Verhalten des Kindes zu regulieren, obwohl möglicherweise zunächst unsere eigene Reaktion ein bisschen Aufmerksamkeit verdient hätte.
Das soll kein Aufruf zur permanenten Selbstoptimierung sein, bei der man erst seine komplette Kindheit aufarbeiten, bevor man seinem Nachwuchs erklären darf, dass man andere Menschen nicht haut. Aber ein bisschen Selbstreflexion wäre gelegentlich durchaus angebracht, bevor wir sämtliche emotionalen Schwierigkeiten unserer Kinder zu deren persönlicher Entwicklungsaufgabe erklären.
Denn Kinder lernen den Umgang mit Gefühlen nicht allein dadurch, dass wir ihnen erklären, wie man sich vernünftig verhält. Sie lernen vor allem durch Erfahrungen. Sie sollten erleben dürfen, dass Gefühle auftauchen, sich verändern und wieder abklingen, dass unangenehme Emotionen zum Leben gehören und dass Beziehungen auch dann Bestand haben, wenn jemand traurig, wütend oder enttäuscht ist. Und selbstverständlich lernen sie durch uns. Durch unseren Umgang mit Ärger, Frustration und Enttäuschung, durch unsere Fähigkeit, Fehler einzugestehen, uns zu entschuldigen und Konflikte auszuhalten, ohne bei jeder Meinungsverschiedenheit persönlich beleidigt zu sein.
Ich glaube, dass wir unseren Kindern eine Menge ersparen könnten, wenn wir aufhören würden, jedes unangenehme Gefühl sofort korrigieren zu wollen. Wenn wir ihnen etwas häufiger zutrauen würden, ihre eigenen Emotionen auszuhalten, und uns selbst etwas häufiger zumuten würden, dabei nicht ständig eingreifen zu müssen.
Gute emotionale Begleitung kann bedeuten, schlicht da zu sein, zuzuhören und den eigenen, ungefragten Senf ausnahmsweise mal für sich zu behalten. Meine beiden Töchter mussten mir das erst ziemlich deutlich erklären. Heute bin ich froh darüber, denn sie hatten vollkommen recht. Unsere Kinder müssen nicht lernen, weniger zu fühlen, damit wir besser mit ihnen zurechtkommen. Wir sollten viel mehr lernen, mit ihren Gefühlen zurechtzukommen, ohne ständig daran herumzudoktern. Und wenn wir damit irgendwann einigermaßen klarkommen, können wir uns ja unseren eigenen Gefühlen widmen. Da dürfte bei den meisten von uns noch genug zu tun sein.
Text: Gut gemeint. Voll daneben. von Jeannette Kriesel
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Jeannette Kriesel


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