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Ich habe keinen Burnout! Ich gehe trotzdem kurz weinen.

Autorenbild: Jeannette Kriesel
Jeannette Kriesel
26. Mai 2025
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 13. Juni

Über Mütter, Kreissägen und ein System, das Care-Arbeit erst romantisiert und dann ignoriert.

 

Frau mit genervtem Gesichstausdruck stützt Kopf mit ihrer Hand

„Muttersein ist der einzige Vollzeitjob, der gesellschaftlich als Hobby gilt. Mit Allzeitverfügbarkeit, null Gehalt und der stillen Erwartung, dabei noch gut auszusehen.“ Jeannette Kriesel

 

Bist du oft müde? Nicht einfach zu-wenig-geschlafen-müde. Sondern existenziell-erschöpft-müde? Müde vom Funktionieren, vom Kümmern und von der mentalen Jonglage zwischen Brotdosenideen, Zahnarzttermin, Kita-WhatsApp-Gruppe, Schul-Manager-App, dem Gefühl, wieder zu laut gewesen zu sein und der leisen Angst, dass dein Kind später mit einem Therapeuten über dich reden muss.

 

Mutti kann nicht mehr. Mutti macht trotzdem weiter. Wahrscheinlich bist du Teil einer Generation von Müttern, die alles soll, alles will, alles gibt und dabei ausbrennt.

 

Eine ausreichend gute Mama zu sein reicht heute nicht mehr. Eine Mama, die „einfach nur“ eine entwicklungsförderliche Voraussetzung des Kindes gewährleistet, steht der perfektionistischen Vorstellung von dem, was eine Mutter zu sein und zu leisten hat entgegen. Das äußert sich sowohl im überhöhten Anspruch heutiger Mütter an sich selbst als auch an den Erwartungen ihres Umfeldes. Viele Mütter kümmern sich um alles. 24/7. Fast immer vergessen sie sich dabei und verlieren den Kontakt zu sich selbst, sodass eine Distanz zu den eigenen Bedürfnissen entsteht.

 

Es war einmal: Eine Illusion

Kinder bekommen ist schön, sagt man. Es ist auch das Natürlichste der Welt, sagt man. Es ist erfüllend, sinnstiftend, beglückend. Auch das sagt man. Was einem keiner sagt, ist, dass mit dem ersten Schrei nicht nur ein Kind geboren wird, sondern auch ein Erwartungsmonster: „Du wirst ab sofort alles perfekt machen.“ Und zwar mit einem Lächeln im Gesicht, bitte. Kein Meckern, kein Schreien, nichts Süßes vorm Abendbrot, sondern Achtsamkeit, Selbstregulation und Bastelideen für den Herbst. Schließlich bist du jetzt Mutter. Und Mütter sind selbstverständlich vollkommen selbstlos, liebevoll, bestens organisiert, dauerhaft belastbar, unendlich geduldig, und, und, und…, na du weißt schon.

 

Zwischen Ambivalenz und Anspruch

Muttersein ist ein Widerspruch auf zwei Beinen. Man liebt das Kind über alles und möchte es manchmal trotzdem dahin zurückschicken, wo es herkommt. Witziger Gedanke… Man will Verbindung und Nähe und schreit gleichzeitig nach Raum und Distanz. Man sehnt sich nach Selbstverwirklichung und steckt fest in der Optimierungs-Falle. Dabei ist nicht das Kind an sich das Problem, sondern der Widerspruch zwischen dem, was Mütter leisten und dem, was sie dafür bekommen. Nämlich viel zu oft nichts außer einem Schulterzucken und einem „Das hast du dir doch so ausgesucht“-Gelaber.

 

Es geht um die wirklich herausfordernden Seiten als Mama. Der überwältigenden Veränderung, die ein Kind mit sich bringt, dem neuen Rhythmus, dem Schlafmangel, der Belastung der Partnerschaft durch sich verändernde Rollen, den Struggles zwischen mütterlichen Aufgaben und beruflicher Karriere, den Schuldgefühlen, wenn das Kind Schwierigkeiten hat oder macht, und all den alltäglichen Herausforderungen.

 

Mental Load: Die unsichtbare To-Do-Liste

Kennst du das? Du liegst im Bett, willst endlich schlafen, da fällt dir ein: Scheiße, die Sportklamotten, von Kind 1, hängen noch auf dem Wäscheständer, die Unterschrift im Hausaufgabenheft von Kind 2 fehlt noch, das Geschenk für die eigene Mama muss noch besorgt und das Date mit der besten Freundin um zwei Stunden nach hinten verschoben werden. Das ist Mental Load. Und der ist nicht nur anstrengend, sondern chronisch. Unsichtbar. Unbezahlt. Und meistens weiblich.

 

Und diese To-Do´s im Kopf hören nie auf: „Wer hat wann Termine?“, „Was muss eingekauft werden?“, „Haben alle heute früh ihr Vitamin D genommen?“, „Haben wir eigentlich noch Butter?“, „Wie sehe ich eigentlich aus? Ich sollte mal wieder zum Friseur!“

 

Vom Idealbild zur Identitätskrise Burnout

Wir sind die erste Generation, die alles haben soll: Karriere, Kinder, eine erfüllte Partnerschaft, ein schönes Zuhause, stabile Psyche, faltenfreie Haut, schlanke Figur, immer in Bio-Quali kochen, den Geburtstagskuchen für die Schule bitte ohne Mehl und Zucker backen und alle kindlichen Gefühle begleiten, statt sie wegzubrüllen. Ach so: Nebenbei noch die Steuererklärung pünktlich abgeben, aber zackig.

 

Wir sind aber auch die erste Generation, die dabei kollektiv die Nerven verliert. Weil wir in einem System leben, das auf der stillschweigenden Selbstaufgabe von Müttern basiert. Ohne Anerkennung. Ohne Pause. Ohne (emotionales) Sicherheits-Netz.

 

Dabei sind die Anforderungen an Mütter nicht nur hoch, sondern vollkommen schizophren:

  • Nähe zeigen, aber nicht klammern.

  • Loslassen, aber nicht gleichgültig sein.

  • Beruflich engagiert, aber nicht karrieregeil.

  • Immer irgendwie da, aber bloß nicht „Helikoptern“.

  • Achtsam und präsent, aber effizient und produktiv.

 

Und Schuldgefühle gibt’s gratis dazu:

  • Du gehst arbeiten? Schuldgefühl.

  • Du bleibst zu Hause? Schuldgefühl.

  • Du schreist? Schuldgefühl.

  • Du lässt zu viel durchgehen? Schuldgefühl.

  • Du hast dein altes Gewicht noch nicht zurück? Schuldgefühle

 

Schuldgefühle sind wie Bullshit-Payback-Punkte des Mutterseins, die man nicht einlösen will.

 

Selbstverloren zwischen Lego und Leistungsdruck

Viele Mütter erkennen sich irgendwann nicht mehr wieder. Die Frau, die mal träumte, reiste, lachte, ist irgendwie verschwunden. Verloren zwischen Buntstiften, Haushalt, Einkauf und Büro, die beim dritten Wäschekorb des Tages kurz weint und dann trotzdem weitermacht. Was denn auch sonst?

 

„Du musst mehr an dich denken“, „Plane regelmäßig Me-Time ein“ sagen die weichgefilterten Besser-Muttis bei Insta & Co. Ja wann denn?? Zwischen Kita und Video-Call, Hausaufgaben und Heulkrampf oder Abwasch und Gute-Nacht-Geschichte? Burnout

 

Selbstfürsorge klingt wie ein echt mieser Witz in einem Alltag, in dem nicht mal Zeit für die Intim-Rasur bleibt. Aber genau da liegt das Problem. Wer sich selbst permanent vergisst, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann das eigene innere System die Hufe hochreißt.

 

Und dann war da noch eine gesamtgesellschaftliche Challenge: Homeschooling, Homeoffice, Home-alles. Und wer hat das aufgefangen und irgendwie hinbekommen? Mamas! Mamas, die „intelligent" arbeiteten, Kinder beschulten, bekochten, beruhigten, bespaßten und gleichzeitig nachts wachlagen, weil sie glaubten, versagt zu haben. Man rechnete ganz selbstverständlich mit der Selbstaufopferung von Müttern und wunderte sich, dass einige, gefühlt, lieber lachend in die Kreissäge gerannt wären, als so weitermachen zu müssen. Dabei bringen Mütter die Zukunft zur Welt, bilden die Basis jeder Gesellschaft und formen kommende Generationen. Das Bewusstsein dafür, steckt aber noch irgendwo im Stau.


Mütter brauchen andere Mütter. Nicht zum Vergleichen, sondern zum Halten, Verstehen und Teilen. Weil niemand das Chaos so fühlen kann wie die, die selbst mittendrin stehen. Also Schluss mit „Alles ist gut“. Zeit für ein „Es reicht!“. Es reicht mit der Unsichtbarkeit, der Selbstaufopferung, dem Glauben, Mütter müssten alles alleine schaffen. Denn das müssen sie nicht. Mamas dürfen wütend, müde und laut sein.

 

Und vielleicht braucht es manchmal solche Texte, um zu merken: Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht falsch. Ich bin einfach nur eine Mutter in einer Gesellschaft, die immer noch nicht kapiert hat, was das eigentlich bedeutet.


Text von Jeannette Kriesel


Wenn dieser Text nicht ganz spurlos an dir vorbeigezogen ist …

… dann darf er gern weiterziehen. Teil ihn, schick ihn jemandem, der ihn brauchen könnte oder behalt ihn erstmal für dich und tu so, als wärst du ganz zufällig klüger geworden.

 

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Und falls du mir dafür symbolisch eine Tasse Kaffee oder ein Glas Wein rüberschieben willst: WHOOHOO!

 

Alternativ: DE39 100 500 006 012 337 742

 

Danke. Wirklich.

Jeannette Kriesel


 
 
 

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